Use Case und Benutzungsszenario: Synonyme? Was sagt die IEC 62366?

Freitag 5. Februar 2016

Die Uses Cases, auf Deutsch Anwendungsfälle, finden im Gegensatz zu User Stories in der agilen Entwicklung nicht mehr so viel Verwendung. Kann man mit der Modellierung von Use Cases zumindest die Forderungen der IEC 62366-1:2015 nach Benutzungsszenarien erfüllen? Sind die Begriffe Use Case und Benutzungsszenario synonym zu verstehen? Dieser Beitrag gibt Ihnen Antworten und Tipps.

Definitionen

Use Case

Leider gibt es keine einheitliche und verbindliche Definition des Begriffs Use Case: Es finden sich beispielsweise die folgenden:

  • „A use case describes a sequence of actions a system performs that yields an observable result of value to a particular actor“[Ivar Jacobson].
  • „Ein Use Case ist eine Abfolge von Handlungen oder Schritten, die typischerweise die Interaktion zwischen einer Rolle (in UML Aktor genannt) und einem System, um ein Ziel zu erreichen.“ [Quelle]
  • „Ein Use Case spezifiziert eine Sequenz von Aktionen, die das System in Interaktion mit der Umwelt ausführt“ [Quelle]

Diese Definitionen sind nicht deckungsgleich. Laut Ivar Jacobson geht es nur um das System. Es handelt sich NICHT um die Aktionen eines Benutzers und es handelt sich auch NICHT um ein Ziel eines Benutzers. Es geht vielmehr um das System, und nur um das System. Was tut das System,- nachdem es vom einem Aktor – der auch ein technisches System sein kann – getriggert wurde, um ein bestimmtes Ergebnis zu produzieren.

Dieses Ergebnis wiederum sollte etwas sein, das von Nutzen, von Wert für einen Aktor des System sein soll. Auch dieser Aktor kann sehr wohl wieder ein technisches System sein.

Benutzungsszenario

Gemäß IEC 62366-1:2015 spezifiziert ein Benutzungsszenario sowohl eine Abfolge von Aufgaben, die ein spezifizierter Benutzer in einer spezifizierten Benutzungsumgebung durchführt, als auch die Reaktionen des (Medizin-)Produkts (auf die Aktionen der Benutzer).

Abgrenzung von Use Case und Benutzungsszenario

Damit wird vermutlich bereits klar, dass Use cases (nach der Definition von Ivar Jacobson) und  Benutzungsszenarien direkt nichts miteinander zu tun haben.

Mit Benutzungsszenarien spezifiziert man die Abfolge von Aktionen der Benutzer und der Reaktionen des Systems  auf der Nutzungsebene; und zwar so, dass damit die Nutzungsanforderungen erfüllt werden. 

Use cases übersetzen die Benutzungsszenarien in Szenarien, die nun die Leistungen des System spezifizieren. Man ist damit bereits – aus der Sicht der Gebrauchstauglichkeit – auf  der Lösungsebene.  Was muss das System leisten, um die Nutzungsanforderungen zu erfüllen?

Genau das macht Use Cases wertvoll: Sie erlauben die Benutzungsszenarien in Systemleistungen zu übersetzen ohne sich zu sehr anzustrengen, ganz natürlich! Konsequenterweise verwendet man Use Cases nachdem man zuvor Nutzungsanforderungen und Benutzungsszenarien spezifiziert hat.

Use Case Diagramm

Empfehlung zum Umgang mit Use Cases

Gehen Sie wie folgt vor:

  • Zuerst müssen Sie klären, was die Aufgaben und die Ziele sind, die spezifizierte Benutzer in einem spezifizierten Benutzungskontext erreichen wollen. Unabhängig von einem System.
  • Dann müssen Sie festlegen, welchen Teilaufgaben Ihr System unterstützen soll.
  • Schließlich spezifizierten Sie die Abfolge der Aktionen der Benutzer am System und der Reaktion des Systems auf diese Aktionen. Das sind die Benutzungsszenarien.
  • Aus diesen Benutzungsszenarien leiten Sie die Use Cases ab.

Die Modellierung von Use Cases birgt Tücken. Meine Tipps dazu wären:

  1. Nutzen Sie Use Case Diagramme,
    um einen grafischen Überblick über Akteure und deren Aufgaben zu verschaffen.
  2. Beginnen Sie nicht mit einer Use Case Modellierung.
    Die Use Cases ergeben sich als ein Zwischenschritt im Usability und Requirements Engineering; sie sind ein Zwischenergebnis.
  3. Nutzen Sie zeitgemäße Methoden des Usability und Requirements Engineerings,
    um Kernaufgaben, Stakeholder-Anforderungen (einschließlich Nutzungsanforderungen), Benutzungsszenarien (und daraus Use Cases) abzuleiten bzw. zu identifizieren.

Use Cases, Benutzungsszenarien und Nutzungsanforderungen

Weder Use Cases noch Benutzungsszenarien sind die Basis für Nutzungsanforderungen. Vielmehr leiten Sie Nutzungsanforderungen mit Hilfe der Kontextmethode aus Erfordernissen ab.

Mit den Benutzungsszenarien spezifizieren Sie – wie oben bereits geschrieben – die Abfolge von Aktionen der Benutzer und der Reaktionen des Systems fest; und zwar so, dass damit die Nutzungsanforderungen erfüllt werden. Gewisse Nutzungsanforderungen lassen sich nur in einer bestimmten Reihenfolge erfüllen. Beispielsweise kann ein Benutzer am System die Laborwerte eines Patienten erst erkennen, wenn er zuvor den Patienten am System ausgewählt hat.

Bei der Spezifikation von Benutzungsszenarien, werden Sie auf weitere vorher noch nicht identifizierte Benutzungsanforderungen stoßen. Um das Beispiel von eben aufzugreifen: Möglicherweise haben Sie durch die Kontextanalyse erkannt, dass der Benutzer am System den Laborwert des Patienten erkennen können muss (1. Nutzungsanforderung). Erst beim Beschreiben des Nutzungsszenarios fällt Ihnen auf, dass der Benutzer den Patienten am System auswählen können muss (2. Nutzungsanforderung).

PS

Eine ähnliche Abgrenzungsproblematik wie zwischen Use Cases und Benutzungsszenarien gibt es auch mit den User Stories. Lesen Sie hier mehr über User Stories und die IEC 62366.

 

Mit herzlichem Dank an Bernhard Fischer


Kategorien: Usability & IEC 62366
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