Prof. Dr. Christian Johner

Autor: Prof. Dr. Christian Johner

Inhaber der Johner Institut GmbH

Mockups beim Prototyping von Medizinprodukten

Montag 26. März 2018

Unter Mockups versteht man in unserer Domäne meist einfache (UI-) Prototypen, mit denen Hersteller insbesondere die Gebrauchstauglichkeit von Medizinprodukten früh im Entwicklungsprozess – beim Prototyping – prüfen können.

1. Sinn von Mockups beim Prototyping

Hersteller, die ihre (Medizin-)Produkte präzise und systematisch entwickeln, erheben zuerst die Stakeholder-Anforderungen (insbesondere die Nutzungsanforderungen) und leiten daraus die System-Spezifikation/-Anforderungen ab. Ein wesentlicher Teil dieser System-Spezifikation ist die GUI-Spezifikation.

Bevor nun die Entwicklung mit der Realisierung beginnt, sollte die GUI-Spezifikation auf Gebrauchstauglichkeit geprüft werden. Das nennt die IEC 62366 die formative d.h. entwicklungsbegleitende Bewertung.

Weiterführende Informationen

Lesen Sie hier mehr zum Thema formative Bewertung (formative Evaluation).

Hierzu eignen sich Prototypen, die man beispielsweise mit Mockups realisieren kann. Diese Mockups helfen, Gebrauchstauglichkeitsprobleme früh zu identifizieren und Stakeholder- und System-Anforderungen/-Spezifikationen iterativ zu überarbeiten.

Mockups Prototypen

Abb. 1: Die formative Bewertung mit Mockups bzw. Prototypen sollte früh im Entwicklungsprozess erfolgen

Die Mockups stellen ein leistungsstarkes Hilfsmittel dar, um zeit- und kostenaufwendige Fehlerkorrekturen (nach der Entwicklung) zu vermeiden und so die Entwicklung schneller und effektiver zu gestalten. Wieder einmal bewahrheitet sich: Wer am Ende schnell sein will, muss am Anfang langsam gehen.

2. Regulatorische Anforderungen und Mockups

Sowohl die zweite Ausgabe der IEC 62366 als auch die FDA fordern die entwicklungsbegleitende („formative“) Evaluation. Diese Validierung der Gebrauchstauglichkeit mit Mockups erfüllt diese Forderungen.

Die FDA schreibt im Guidance Document zum Human Factors Engineering, dass repräsentative Anwender einbezogen werden müssen.

Die abschließende, d.h. summative Bewertung (typischerweise im Rahmen einer Validierung der Gebrauchtauglichkeit) müssen die Hersteller hingegen mit einem Produkt durchführen, das dem endgültigen ausreichend entspricht. (Definition von Validierung allgemein)

3. Prototyping: High- und low-fidelity Mockups

Beim Prototyping müssen Hersteller den Spagat bewältigen, dass einerseits die Mockups schnell und kostengünstig erzeugt werden müssen. Andererseits müssen die Prototypen ausreichend realistisch sein, um aussagekräftige und verlässliche Rückmeldungen zur Gebrauchstauglichkeit zu erlangen.

a) Übersicht

Daher beginnen die Hersteller meist mit low-fidelity Mockups und arbeiten sich zu high-fidelity Prototypen hoch. Beispiele für beide sind:

  • Prototyp auf Papier von Hand gemalt
  • In Photoshop oder einem CAD-Programm gezeichnete Benutzungsschnittstelle
  • Interaktiver klickbarer Prototyp z.B. mit einem der unten genannten Werkzeuge oder in HTML realisiert
  • 3D Prototypen z.B. mit 3D Druck erstellt
  • VR-Prototypen. In unseren amerikanischen Usability-Labs arbeiten wir auch an Kombinationen, bei denen ein Teil des Produkts physisch in 3D vorliegt und der Rest über VR simuliert wird (s. Abb. 2).
Simulation mit VR-Prototyp und 3D Mockup

Abb. 2: Simulation mit VR-Prototyp und 3D Mockup (zum Vergrößern klicken) 

b) Beispiel: Mockup Tools für Mobile Medical Apps

Thomas Geis, nicht nur mein Guru zum Thema Requirements und Usability Engineering, hat mich auf eine App aufmerksam gemacht, mit der man innerhalb kürzester Zeit Mockup-Screens, also sehr einfache Prototypen, für Mobile Apps entwerfen kann.

Diese App hilft, schnell Mockup-Screens für Mobile Apps zu erstellen. Ganz im Sinn der FDA

Abb. 3: Diese App hilft, schnell Mockup-Screens für Mobile Apps zu erstellen. Ganz im Sinn der FDA Quelle leider nicht mehr verfügbar

Man malt die Screens auf – mit Bleistift und Papier – fotografiert sie mit der App ab, die einem dann hilft, die Screens zu skalieren und mit interaktiven „Spots“ zu versehen. In Minuten läuft der erste „Prototyp“, den man Kunden zeigen kann.

Genau diese Einbeziehung der Anwender in den Designprozess – das Wort Design hier in doppelter Bedeutung – fordert übrigens die FDA. Der gesunde Menschenverstand übrigens auch, denn eine frühzeitige Validierung der Gebrauchstauglichkeit spart viele teure Schleifen in der Entwicklung.

c) Mockup Tools fürs UI-Prototyping

Die folgenden Tools sind einen Blick wert:

  • Für Prototypen, die übers Web gemeinsam von mehreren bearbeitet werden sollen, habe ich Lumzy genutzt. Das hat gut geklappt, wenn gleich das Tool manchmal etwas performanter sein könnte.
  • Manchmal ist Papier ein sehr effizientes Medium, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Eben Papier-Mockups.
  • Aktuell arbeite ich vor allem mit Balsamiq. Die Anwendung läuft schnell und stabil, und ich kann fast alles damit simulieren, was ich benötige.
  • Thomas Geis arbeitet oft mit dem FlairBuilder. Der läuft im Browser und lokal (Flash/Air-basiert).
  • Vielleicht sogar noch moderner ist JustInMind, die sich auf Web-Anwendungen und mobile Apps konzentieren.
  • Wer gerne mit PowerPoint arbeitet, sollte PowerMockup eines Blicks würdigen, das basierende auf dem Office-Werkzeug Wireframes erzeugt.
  • Ein weiterer Tipp ist Prott,
  • Das Magazin t3n hat hier eine Übersicht über Wirefame-Tools und einen Artikel zu „Wireframing Pro“ veröffentlich
  • Viele GUI Builder z.B. von Visual Studio, Eclipse, XCode erlauben ebenfalls das rasche Erstellen von Prototypen/Mockups. Übernehmen Sie aber keinesfalls den erzeugten Code in Ihr Produkt!
  • Werkzeuge wie MS Visio (Windows) oder das MAC-Pendant OmniGraffle haben bereits Schablonen (Stencils), mit denen Benutzerschnittstellen schnell gezeichnet sind.
  • Speziell für iOS Geräte wie IPad eignet sich das Tool BluePrint.
  • Weitere Tools finden Sie auf http://www.foreui.com, auf http://www.axure.com/ und http://www.irise.com. Diese Werkzeug sind in etwa nach Preis bzw. Komplexität bzw. Leistungsfähigkeit aufsteigend sortiert. Die drei Merkmale korrelieren aber nur bedingt. Probieren Sie es einfach aus.

Das Johner Institut vertritt die Meinung, dass es weniger wichtig ist, welches Mockup Tools Sie nutzen, sondern dass Sie überhaupt eines für die Spezifikation und die Prototyp-Validierung nutzen: Bei der Entwicklung gibt es keine Abkürzungen. Aber unnötige Umwege. Und die können Sie sich mit konsequentem UI-Testing sparen.

4. Weiterführende Informationen

a) Usability Experten und Tests

Wenn Sie weitere Tipps zur Auswahl und Anwendung von Mockups und das Prototyping wünschen, dann wenden Sie sich gerne an unser Usability Team. Melden Sie sich einfach bei uns z.B. über unser Kontaktformular. Die Usability Experten des Johner Instituts helfen Ihnen auch bei formativen und summativen Evaluationen Ihrer Produkte.

b) Seminar „Usability, Requirements & IEC 62366“

Was Sie sonst noch über das Requirements und Usability Engineering und die IEC 62366 wissen sollten, verrät Ihnen Thomas Geis im gleichnamigen Seminar „Usability, Requirements und IEC 62366“. Übrigens: Als ein Geschäftsführer, der beim letzten Termin teilnahm, verstanden hatte, welches Potenzial in diesem Innovationsprozess liegt und wie er damit eine saubere Schnittstelle zwischen Produktmanagement und Entwicklung hinbekommt, hat er gleich den Rest der Truppe angemeldet.

Mehr Informationen zum Seminar


Kategorien: Usability & IEC 62366

2 Kommentare über “Mockups beim Prototyping von Medizinprodukten”

  1. Chrysanth schrieb:

    Hallo Christian,

    super Beitrag! Ich möchte es an dieser Stelle nicht missen meinen persönlichen Favorit für Mockups preiszugeben: Mit http://www.justinmind.com habe ich schon einige Mockups erstellt und bin begeistern vom Funktionsumfang und den raschen Ergebnissen! Vor allem lassen sich auch grössere Projekte zusammen mit mehreren Leuten problemlos realisieren.

    Liebe Grüsse,
    Chrysanth

  2. Christian Johner schrieb:

    Super, danke, habe ich sofort ergänzt!

Kommentar schreiben