Was macht eigentlich ein Produktmanager? Müssen die uns leidtun?

Mittwoch 9. März 2016

Beim Wort „Produktmanager“ oder „Produktmanagement“ verdrehen viele Entwickler die Augen. Die Zusammenarbeit der beiden Abteilungen ist oft von Reibungsverlusten geprägt. Lesen Sie hier, weshalb dem so ist und was Sie dagegen machen können.

Produktmanager: Status quo

Eigenwahrnehmung der Produktmanager

Viele Produktmanager haben das Gefühl, für all das zuständig zu sein, was andere Rollen nicht abdecken. Ein wenig Projektleitung, ein wenig Marketing, Input für die Entwicklung liefern, Anforderungen der Kunden ermitteln, Kommunikations-Hub spielen usw.

Auf der einen Seite fühlen sich die Produktmanager als zentrale Schaltstelle, auf der anderen Seite fühlen sie sich zwischen den widerstrebenden Interessen zerrieben.

Wahrnehmung der Produktmanager durch die Entwicklung

Die Entwickler nehmen die Produktmanager oft nicht ernst, sprechen ihnen die Kompetenz ab, beispielsweise Anforderungen vollständig, widerspruchsfrei und stabil zu erheben. Manche Entwickler qualifizieren die Produktmanager gar als „Marketiers“ ab.

Wahrnehmung der Produktmanager von außen

Wissen Sie, wie ich Produktmanager erlebe? Das sind Menschen, die den ganzen Tag mit den Kunden reden, von denen hunderte Meinungen einholen, die sich teilweise decken und teilweise widersprechen, und die diese „Meinungsvielfalt“ an die Entwicklung rantragen, um dann gesagt zu bekommen, das ginge so einfach und in der gewünschten Zeit überhaupt nicht.

Produktmanager

Und wenn dann ein Kunde laut schreit, rennt der arme Produktmanager wieder zur Entwicklung, um dann zu hören, die Kunden schienen ja nicht zu wissen, was sie wollen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Produktmanager: Was ist das Problem?

Viele der Reibungsverluste sind auf eines der beiden Probleme zurückzuführen:

  1. Es fehlt eine klare Definition von Aufgaben und Verantwortlichkeiten (inkl. Entscheidungshoheit). D.h. die Rolle des Produktmanagers ist nicht präzise geregelt.
  2. Viele Produktmanager verfügen nicht über die notwendigen Kompetenzen.

Was sind eigentlich die Aufgaben der Produktmanager?

Falls Ihnen das bekannt vorkommt, wissen Sie, dass in Ihrer Firma zumindest noch Effizienzpotenziale stecken. Die können Sie übrigens relativ elegant nutzen, wenn Sie (bzw. Ihr Produktmanagement) verstehen, was ein Produktmanager eigentlich tun sollte:

Ein Produktmanager ist eine Person, die in gegebenen Nutzungskontexten Nutzungsanforderungen (und weitere Stakeholder-Anforderungen) identifiziert und ggf. bis in Lösungsspezifikationen überführt.

D.h. der Input für das Produktmanagement ist ein Nutzungskontext, wie ihn beispielsweise eine Zweckbestimmung beschreibt. Der Output ist entweder eine Liste von Stakeholder-Anforderungen (nach Kernaufgaben sortiert) oder eine Lösungsspezifikation z.B. in Form einer System Requirements Specification.

Über welche Kompetenzen muss ein Produktmanager verfügen?

Und dieses Ableiten verlangt ein methodisches Vorgehen. Dazu gibt es Verfahren, die Sie zu genau diesen Nutzungsanforderungen und von dort zu den Systemanforderungen / Systemspezifikationen führt. Als Produktmanager müssen Sie diese Verfahren beherrschen d.h. über folgende Kompetenzen verfügen:

  • Nutzungskontexte beschreiben können
  • Erfordernisse identifizieren können
  • Stakeholder-Anforderungen ableiten können
  • Benutzungsszenarien beschreiben können
  • Benutzer-Produkt-Schnittstellen spezifizieren können
  • Vollständige und normenkonforme System-Spezifikation erstellen können.

In anderen Worten: Sie müssen die wirklichen Anforderungen Ihrer Kunden entschlüsseln und Ihre Erkenntnisse der Entwicklung „mundgerecht“ verfügbar machen.

Initiale Entwicklung und Produktpflege

Diese Anforderungen können Firmen meist nicht in einer ersten Produktversion umsetzen. D.h. die Produktmanager sind sollten auch in die Weiterentwicklung der Produkte unbedingt eingebunden sein. Damit liegen bei Ihnen Entscheidungen wie:

  • Gestaltung von Produkten und Aufteilung in Produktfamilien
  • Änderungen an Produkten und deren strategische Weiterentwicklung
  • Festlegung des Lebenszyklus (und damit auch den Zeitpunkt des Ende des Produkts)

Diese Kompetenzen sind die von Requirements Engineers und eines Usability Engineers. Sie können sie erwerben im Seminar „Usability, Requirements und IEC 62366“ mit Thomas Geis.

Konsequenzen

Was Sie erreichen, wenn Sie mit professionellen Produktmanagern arbeiten

  • Die Produktmanager werden als systematisch arbeitende Kollegen mit einer eigenen kompetenten Rolle wahrgenommen  also als Personen, die etwas können, was die anderen nicht können. Man schätzt die Produktmanager dafür, dass Sie wirklich innovative und den Kunden hilfreiche Lösungen spezifizieren.
  • Sie ersparen sich unnötiges, zeitaufwändiges und kostenspieliges Nachbessern, weil während der Entwicklung neue Anforderungen „reingekippt“ werden und das Projekt verzögern.
  • Sie vermeiden Reibereien zwischen dem Produktmanagement und der Entwicklung, weil es klare Rollenabgrenzungen gibt.

Auf was achten sollten, wenn Sie ohne kompetente Produktmanager arbeiten

Doch was macht man, wenn es keine Requirements Engineers und Usability-Experten gibt und dafür nicht ausgebildete Produktmanager den Entwicklern nur relativ unspezifische Anforderungen über den Zaun werfen?

Ich beobachte drei mögliche Konsequenzen:

  1. Die Entwickler entwickeln einfach so, die Spezifikation existiert nur implizit in Form des entwickelten Produkts. Die Konsequenzen im Audit sind klar.
  2. Die Entwickler spezifizieren Fehlendes nach und entwickeln dann die von Ihnen selbst spezifizierte Lösung. Die erfüllt aber nur bedingt die wirklichen (und nie explizit formulierten) Kundenanforderungen. Das Produkt ist im Markt nicht erfolgreich.
  3. Verantwortlich dafür macht man  natürlich die Entwickler. Klar, denn schließlich haben sie sich so ein Produkt ausgedacht. „Typisch Entwickler…“. Das führt zu schlechter Stimmung, manchmal sogar zu Entlassungen oder zu der irren Annahme, man könne sich die Fehler durch ein Outsourcing ersparen.

Was Sie machen sollten, wenn der kompetente Produktmanager fehlt

Weshalb Sie unbedingt über einen Produktmanager mit den o.g. Kompetenzen verfügen sollten. Haben Sie oben gelesen. Doch was tun, wenn der fehlt? Es gibt mehrere Möglichkeiten:

  1. Holen Sie sich frühzeitig Hilfe von außen. In wenigen Tagen kann ein Experte die wichtigsten Stakeholder-Anforderungen identifizieren. Fragen Sie gerne uns (Kontaktformular).
  2. Bilden Sie ein Mitglied Ihres Teams weiter. Das Seminar „Usability, Requirements und IEC 62366“ mit Thomas Geis wird ein erster wichtiger Schritt sein. Wir begleiten Produktmanager auch „on the job“.
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5 Kommentare über “Was macht eigentlich ein Produktmanager? Müssen die uns leidtun?”

  1. MB schrieb:

    Es gibt Firmen, die lösen das ganz einfach: die PMs sprechen NICHT mit Kunden. 🙂

  2. Stefan Matt schrieb:

    Ich glaube, dass da von einer einzelnen Person sehr viel verlangt wird:
    – Kompetenz am Markt
    – Präsenz bei Nutzern
    – Verständnis für den Nutzungskontext
    – Tiefe Kenntnis des Produkts
    – Fähigkeit zur Abstraktion + Formulierung
    – Umsetzung in eine (Blackbox) Beschreibung der Lösung
    – Verständnis für (Software-)Entwicklungsprozesse
    – Verfügbarkeit für die Entwickler

    Das tönt nach „eierlegender Wollmilchsau“. (die englische Übersetzung dazu heisst: Product Owner)

    Ein anderer Ansatz ist es, diese Rolle auf zwei Personen zu verteilen:
    – Der Produkt-Manager mit Blick zum Anwender und Markt
    – Der Projektleiter mit Blick zu Produkt und Entwicklungsteam

    Wenn sich diese zwei Personen gut austauschen und die gemeinsame Aufgabe akzeptieren, können alle Anforderungen an die Rolle abgedeckt werden.

  3. Christian Johner schrieb:

    Ich stimme absolut zu, dass von einem Produktmanager viel verlangt wird. Ich sehe den Bereich Wissen und Kompetenzen v.a. hier als notwendig:
    – Requirements Engineering
    – Ggf. Usability Engineering
    – Moderator
    – Produkte (eigene, Konkurrenz) & Markt

    In der obigen Liste sind auch Tätigkeiten (z.B. Präsenz, Umsetzung).

    Den Produktmanager und Projektleiter würde ich ebenfalls als zwei Rollen sehen. Das wollte ich auch nicht ausgedrückt haben.

  4. Raphael Müller schrieb:

    Sehr spannender Artikel, welcher auch die Risiken gut aufzeigt.

    Meine Erfahrung hat gezeigt, dass im MedicalDevice Feld leider oft der Konsens herrscht „Product Manager müssen vom Sales“ kommen, da Sie die Kunden kennen. Das ist sicher ein sehr wichtiger Teil für den Markterfolg, aber meiner Meinung nicht genügend. Wenn man nicht richtig spezifizieren kann, nicht weiss was die Limiten sind von Data Privacy oder keine Ahnung hat von gutem UX/UI Design (sprich Styles Guide), bleibt es eine Sales Person.
    Spricht man mit Product Manager aus Ingenieur oder Informatikfirmen kommen die meisten aus der Entwicklung, was auch wieder Probleme bringt, da der Kundenfokus fehlt.

    Ich bin heute der Meinung, dass eine Firma Produktmanager „heranzüchten“ sollte und zwar ein paar Jahre Entwicklung und ein paar Jahre Sales/Product Support und nebenbei den SoftwareLifecycle verstehen. Es gibt wenig Firmen die dazu bereit sind Langzeit-entwicklungspläne zu generieren und noch weniger gibt es Hochschulen/Uni die einem dieses ganze Wissen mitgeben.

    Freue mich auf Kritik/Feedback.

  5. Prof. Dr. Christian Johner schrieb:

    Sehr geehrter Herr Müller,

    ich stimme Ihnen völlig zu, dass die Produktmanager in der Firma ein zentrale Rollen spielen müssten und daher „gezüchtet“ werden sollten. Dieses Züchten sollte allerdings nicht nur durch ein „Training-on-the-job“ erfolgen, sondern auch durch eine systematische Ausbildung im Bereich Requirements Engineering.

    Damit das Wissen über die Kunden aber nicht nur im Kopf des Produktmanagers vorhanden ist, sollte das Unternehmensgedächtnis ebenso systematisch mit strukturieren und validierten Daten bestückt und fortlaufend gepflegt werden (durch die Produktmanager). Eine Software-Lösung wäre eine gute Möglichkeit.

    Ob die Person einen technischen oder betriebswirtschaftlichen Hintergrund hat, erachte ich als sekundär. Die Fähigkeit zum klaren, logischen und strukturierten Denken, Handeln und Dokumentieren halte ich für wesentlicher.

    In der Hoffnung, damit etwas Nützliches ergänzt zu haben, und mit vielen Grüßen, Christian Johner

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