Klinische Prüfungen von Medizinprodukten: Die 6 größten Herausforderungen

Dienstag 10. April 2018

Klinische Prüfungen von Medizinprodukten versuchen die meisten Hersteller um jeden Preis zu vermeiden. Kein Wunder: Eine klinische Prüfung ist zeit- und kostenintensiv und die regulatorischen Anforderungen daran umfangreich und komplex.

Dieser Artikel beschreibt, wann klinische Prüfungen notwendig sind, wie diese ablaufen und welche regulatorischen Anforderungen beachtet werden müssen. Er nennt auch die 6 größten Herausforderungen, die die Hersteller bewältigen müssen.

1. Klinische Studien und klinische Prüfungen von Medizinprodukten

a) Definition

Definition: Klinische Prüfung

„systematische Untersuchung, bei der ein oder mehrere menschliche Prüfungsteilnehmer einbezogen sind und die zwecks Bewertung der Sicherheit oder Leistung eines Produkts durchgeführt wird;“

Quelle: MDR, Artikel 2, Absatz 45

b) Zielsetzung

Die Medizinproduktehersteller müssen beweisen, dass ihre Produkte sicher sind und den versprochenen Nutzen bringen – einen Nutzen, der die Risiken überwiegt. Sie sind verpflichtet, diesen Nachweis anhand klinischer Daten zu führen. Sind diese klinischen Daten nicht in ausreichender Menge oder Güte vorhanden (z.B. in der wissenschaftlichen Literatur), müssen die Hersteller diese Daten im Rahmen klinischer Prüfungen erheben.

c) Abgrenzung von klinischen Prüfungen und klinischen Studien

EN ISO 14155:2011 sagt in den Anmerkungen zur Definition des Begriffs klinische Prüfung, dass diese mit klinischen Versuchen gleichbedeutend sei. Diese Gleichsetzung führt in der Praxis jedoch zu Missverständnissen und regulatorischen Problemen.

Eine klinische Studie sollte vielmehr als die experimentelle Prüfung eines Produkts (z.B. Medizinprodukt, Medikament) oder eines Untersuchungs- bzw. Behandlungsverfahrens (z.B. OP-Technik, Bestrahlung) verstanden werden. Damit sind klinische Prüfungen ein Sonderfall klinischer Studien.

Abb. 1: Klinische Prüfungen von Medizinprodukten versus klinische Studien im Allgemeinen (zum Vergrößern klicken)

Vorsicht!

Beachten Sie: Für klinische Prüfungen von Medizinprodukten und für klinische Studien (im Allgemeinen – z.B. im Rahmen der Forschung) gelten nicht die gleichen regulatorischen Anforderungen! Beispielsweise ist das BfArM bei einer klinischen Erforschung eines Behandlungsverfahrens nicht einzubeziehen. Allerdings müssen auch bei der Erforschung die regulatorischen Anforderungen beachtet und i.d.R. eine Ethikkommission um Genehmigung gebeten werden.

Beispiel

Folgendes Beispiel illustriert die Abgrenzung:

  Klinische Studie Klinische Prüfung
Situation Ein Forscherteam nutzt ein (bereits zugelassenes) Kernspingerät, um MRT-Sequenzen zu erproben, zu kombinieren und zu verbessern, um eine bestimmte Krebserkrankung zuverlässiger diagnostizieren zu können. Sie probieren diese Messsequenzen an Patienten aus, bei denen die Krebsdiagnose über eine Histologie bereits gesichert bzw. ausgeschlossen ist. Anschließend baut ein Hersteller die vom Forscherteam entwickelten MRT-Sequenzen in die nächste Version seines Kernspingeräts ein. Weil die klinischen Daten des Forscherteams nicht ausreichend sind (z.B. weil nicht genügend Patienten untersucht wurden oder sich die Daten nicht 1:1 übertragen lassen), führt er eine klinische Studie mit seinem Gerät und den neu entwickelten Sequenzen durch, um Nutzen und Leistungsfähigkeit seines neuen Medizinprodukts zu beweisen. Dazu ist er im Rahmen der Konformitätsbewertung („Zulassung“) verpflichtet.
Bewertung Dieses „Ausprobieren“ stellt eine klinische Studie dar, die zwar nicht unter die MPKPV (s.u.) fällt, aber dennoch genehmigungspflichtig ist. Diese „Zulassungs-Studie“, manchmal auch „MPG-Studie“ genannt, ist eine klinische Prüfung im Sinne des Medizinprodukterechts. U.a. sind die Forderungen der MPKPV einzuhalten.

Tabelle 1: Beispiel, das die Abgrenzung klinischer Studien und klinischer Prüfungen illustriert.

Besonders bei Medizinprodukten, die auf neuen Verfahren beruhen, tun sich Hersteller schwer, eine Abgrenzung vorzunehmen: Dient die klinische Studie dazu, das Verfahren auszuprobieren bzw. zu entwickeln? Oder dient sie dazu, bereits die klinischen Daten für die Zulassung des Medizinprodukts zu sammeln? Oder beides? Hersteller sollten dies eindeutig festlegen.

d) Klassifizierung von „klinischen Studien“ im Kontext von Medizinprodukten

Weitere Typen an „Studien“ sind die Post-Market-Clinical-Follow-Up-Studien (PMCF-Studien) und die Anwendungsbeobachtungen. Nur wenn diese tatsächlich eine Intervention d.h. eine Maßnahme darstellen, die sonst nicht durchgeführt würde, spricht man überhaupt von einer klinischen Studie.

Anwendungsbeobachtungen zeichnen sich dadurch aus, dass keine Maßnahmen d.h. kein Eingriff in den Prozess der Diagnose oder Therapie vorliegt.

Klasse von Studie Ziel Zeitpunkt bezogen auf Inverkehrbringung Eingriff in Diagnose oder Therapie
Forschungsstudie Erkenntnisse gewinnen, Machbarkeit feststellen Vor Ja
Zulassungsstudie (klinische Prüfung) Sicherheit, Nutzen und Leistungsfähigkeit eines (ansonsten fertigen) Produkts nachweisen Vor Ja
PMCF-Studie Sicherheit, Nutzen und Leistungsfähigkeit eines im Markt befindlichen Produkts nachweisen Nach Ja
Anwendungsbeobachtung Sicherheit, Nutzen und Leistungsfähigkeit eines im Markt befindlichen Produkts nachweisen Nach und ggf. vor Nein

Tabelle 2: Klinische Studien unterscheiden sich anhand deren Zielen und Zeitpunkten

Beispiele für „Maßnahmen“:

  • Zusätzliche Ultraschall-Untersuchung
  • Zusätzliche Blutabnahme
  • Erweiterte körperliche Untersuchung
  • Zuweisen (auch randomisiert) des Patienten zu einer Kohorte, die anders untersucht oder behandelt wird wie eine andere Kohorte

Würde man hingegen medizinisches Personal nur bei seiner Arbeit beobachten oder Patienten befragen, würde man nicht von einem Eingriff bzw. einer Maßnahme sprechen. Es läge keine klinische Studie vor. Es läge keine interventionelle klinische Studie, sondern eine nicht-interventionelle Studie (z. B. Anwendungsbeobachtung) vor.

2. Typen von klinischen Studien

a) Möglichkeiten der Kategorisierung

Studien lassen sich nach verschiedenen Aspekten kategorisieren:

  1. Nach Zweck (z.B. Zulassung, Erforschung siehe oben)
  2. Nach Phase (Phase 0 bis IV). Diese Einteilung findet sich v.a. bei Medikamentenstudien und ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung.
  3. Nach Studiendesign (s.u.)

b) Kategorisierung nach Studiendesign

Die Einteilung in verschiedene Studientypen basiert auf den Attributen des Studiendesigns wie beispielsweise:

  1. Anzahl der Patienten
  2. Anzahl der Studienzentren (z.B. multizentrisch)
  3. Zeitpunkt der Planung: Retrospektiv versus prospektiv
  4. Verblindung: unverblindet („open label“), einfach verblindet („single blinded“), doppel verblindet („double blinded“)
  5. Randomisiert/nicht randomisiert: Einteilung der Patienten in Kohorten gemäß dem Zufallsprinzip
  6. Mit oder ohne den Einsatz von Placebos („placeobkontrolliert“)
  7. Single versus multi-dose: Dieser Unterscheidung findet v.a. bei Medikamentenstudien Anwendung. Allerdings lässt sich dies auch auf Medizinprodukte übertragen wie z.B. auf die Reizstromstärke in der physikalischen Therapie
  8. Zeitraum: Longitudinale Studien verfolgen Patienten über einen längeren Zeitraum, tw. über deren ganzes Leben
  9. Interventionell, nicht inter-ventionell

Abhängig von diesen Attributen definieren sich verschiedene Studientypen. Die folgende Tabelle nennt Beispiele.

Studiendesign Wissenschaftliche Aussagekraft Anzahl Patienten Anzahl Zentren Zeitpunkt der Planung Verblindung Randomisiert Zeitraum Inter-ventionell
Randomisierte Studie Sehr hoch Viele Meist mehrere Prospektiv Ja Ja
Kohorten-Studie Hoch Viele beides Nein Jahre
Querschnittsstudie Mittel Viele Prospektiv Nein Nein Zeitpunkt, ggf. mehrere
Fallstudie Niedrig Einer Eines Retrospektiv Nein Nein Meist Zeitpunkt

Tabelle 3: Das Studiendesign bestimmt die wissenschaftliche Aussagekraft einer klinischen Studie

Die MDR fordert von den Herstellern das Evidenzniveau zu bestimmen. Je höher das Evidenzniveau ist, umso höher muss die wissenschaftliche Aussagekraft sein. Die Höhe der notwendigen wissenschaftlichen Aussagekraft wiederum bestimmt das Studiendesign.

3. Klinische Prüfungen in der Praxis

a) Phasen und Aktivitäten

Die klinischen Prüfungen von Medizinprodukten erfolgen meist in Phasen, die idealerweise sequenziell, in der Praxis manchmal auch iterativ durchlaufen werden (s. Abb. 2).

Ablauf von klinischen Prüfungen

Abb. 2: Phasen von klinischen Prüfungen

  1. Ziele festlegen
    In der ersten Phase ermitteln die Hersteller regulatorischen Anforderungen, entscheiden über die Notwendigkeit einer klinischen Prüfung und legen deren Ziele im Groben fest.
  2. Klinische Prüfung planen
    Anschließend formulieren die Hersteller – meist mit Hilfe von Biostatistikern – die Hypothesen und Ziele noch genauer und legen das Studiendesign fest. Sie planen den Ablauf der Studie, wählen Personen aus und stellen Budgets bereit.
  3. Klinische Prüfung vorbereiten
    Die Hersteller wählen die Prüfzentren und klinischen Prüfer aus und holen das Votum von Ethikkommissionen bzw. Behörden ein. Sie bereiten die Prozesse (inkl. Dokumentation) und Werkzeuge (z.B. elektronische Datenerfassung) vor und schulen die Beteiligten.
  4. Klinische Prüfung durchführen
    Die Prüfärzte und das beteiligte medizinische Personal erheben die Daten. Die klinischen Monitore überprüfen die Werte fortlaufend auf Plausibilität und Vollständigkeit. Sie werten die Daten begleitend aus, um bei Problemen Behörden informieren bzw. die Studie anpassen oder abbrechen zu können.
  5. Daten auswerten, Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Produkts bewerten
    Die Hersteller bzw. deren Dienstleister werten die Daten aus, bewerten, ob die Hypothesen verifiziert werden und damit die Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Produkts belegt werden konnten. Sie erstellen Berichte und die klinische Bewertung.

b) Die 6 häufigsten Herausforderungen und Fehler bei klinischen Prüfungen

Das Johner Institut stößt bei Herstellern, die klinische Prüfungen durchführen, regelmäßig auf folgende Herausforderungen:

  1. Unklarheit über Notwendigkeit einer klinischen Prüfung
    Die Hersteller wissen nicht, ob eine klinische Prüfung überhaupt notwendig ist. Insbesondere ist unklar, ob bisherige Daten ausreichen, um die Sicherheit und Leistungsfähigkeit zu belegen. Eine unnötig durchgeführte Prüfung ist eine Verschwendung von Zeit und Geld. Eine nicht durchgeführte aber vorgeschriebene klinische Prüfung gefährdet die rechtskonforme Vermarktung.
  2. Unpräzise oder falsche Ziele
    Die Hersteller müssen genau festlegen, welche sogenannten „Endpunkte“ die Studie verifizieren muss. Andernfalls laufen Sie Gefahr, dass die Studie zwar eine Hypothese beweist, dieser Beweis aber nicht geeignet ist, um die Sicherheit und Leistungsfähigkeit zu belegen.
  3. Falsches Studiendesgin
    Die Bedeutung der Planung kann man kaum genug betonen: Der falsche Populationsumfang, ein ungeeigneter Studientyp oder ein unrealistischer Projektplan können den Erfolg der Studie verhindern. Ein agiles, iterativ inkrementelles Vorgehen ist im Kontext klinischer Studien kein zielführendes Rezept.
  4. Unzureichendes Monitoring
    Fehler und Lücken in den Daten und eine Erfassung, die nicht dem Studienprotokoll entspricht, machen die Aussagekraft einer Studie zunichte. Ein engmaschiges Monitoring der Studie ist daher unerlässlich.
  5. Mangelnde Äquivalenz
    Manche Hersteller nutzen die Erkenntnisse aus der Studie, um das Produkt weiter zu verbessern. Sie sollten dabei bedenken, dass Sie die Äquivalenz der Produkte nachweisen müssen, die sie bei der klinischen Prüfung einsetzen mit den Produkten, die zugelassen werden sollen.
  6. Nicht genügend Patienten
    Viele Hersteller tun sich schwer damit, ausreichend viele Patienten zu rekrutieren, um die notwendige Evidenz zu erreichen. Das trifft besonders in diesen Fällen zu:

    • Seltene Krankheit
    • Der Vorteil des Produkt im Vergleich zu Alternativen ist gering oder sogar fragwürdig
    • Das Produkt erscheint den Patienten als fremd oder „riskant“
    • Es gibt nicht ausreichend Ärzte, die an der Studie interessiert sind

c) Aufgaben und Auswahl von Clinical Research Organizations (CROs)

Clinical Research Organizations (CROs) helfen bei allen oben genannten Schritten. Die meisten CROs haben sich auf die Erforschung von Arzneimitteln spezialisiert.

Prof. Dr. Christian Johner
Das Johner Institut übernimmt oder unterstützt Sie bei allen Aktivitäten. Es hilft Ihnen auch herauszufinden, ob eine klinische Prüfung (im Rahmen der klinischen Bewertung) überhaupt notwendig ist, und damit unnötige Aufwände zu vermeiden.

4. Regulatorische Anforderungen an klinische Prüfungen

a) Medizinprodukterichtlinien (MDD, AIMD)

Sowohl die Medizinprodukterichtlinie MDD, als auch die Richtlinie für aktive implantierbare Medizinprodukte bilden den rechtlichen Rahmen an die klinischen Prüfungen. Dazu zählen die folgenden Pflichten:

  • Die Hersteller müssen – soweit dies zu dem Zeitpunkt möglich ist – nachweisen, dass die Produkte die grundlegenden Anforderungen erfüllen.
  • Die Hersteller müssen die Behörden informieren und i.d.R. deren Zustimmung abwarten.
  • Dazu müssen Sie das Votum einer Ethikkommission einholen
  • Produkte für die klinische Prüfung müssen die Hersteller als solche kennzeichnen.
  • Weiter sind die Hersteller verpflichtet eine Dokumentation z.B. einen Prüfplan, ein Handbuch, Aufklärung- und Einwilligungsbögen, Kontaktdaten von Herstellern und Prüfärzten, Prüferinformationen, Monitoringplan und eine genaue Beschreibung des Produkts zu erstellen.
  • Zudem muss ein Versicherungsschutz für die Probanden bestehen.
  • Hersteller müssen schwerwiegende Zwischenfälle melden.

Die Richtlinien verpflichten die Hersteller, die ethischen Grundsätze einzuhalten, die die Deklaration von Helsinki benennt.

b) Medizinprodukteverordnung MDR

Die Anforderungen der Medizinprodukteverordnung MDR gehen deutlich über die der MDD hinaus. Sie sind umfangreicher und spezifischer. So gibt es konkrete Anforderungen an die Aufklärung und an die Prüfungen bei besonderen Personengruppen wie Kindern, Schwangeren und Stillenden.

Die MDR legt fest, wann und wie die Daten in der EUDAMED zu hinterlegen sind, wie man bei Änderungen des Studiendesigns vorgehen muss und was die Anforderungen an klinische Untersuchungen mit Produkten sind, die bereits ein CE-Zeichen tragen.

MDR: Kapitel VI: Klinische Prüfung und Bewertung

Abb. 3: Übersicht über die Kapitel der MDR zur klinischen Prüfung und Bewertung (zum Vergrößern klicken)

Der Anhang XV der MDR stellt weitere Anforderungen an die Durchführung, Dokumentation und Sponsoren (Hersteller) der klinischen Prüfungen.

Zudem behält sich die MDR vor, über gemeinsame Spezifikationen (Common Specifications CS) weiteren Anforderungen zu ergänzen.

c) Medizinproduktegesetz MPG

Der vierte Abschnitt des MPGs beschreibt die Implementierung der EU-Richtlinien in nationales (deutsches) Recht. Dieser Abschnitt trägt den Titel „Klinische Bewertung, Leistungsbewertung, klinische Prüfung, Leistungsbewertungsprüfung“ und besteht aus den folgenden Kapiteln

  • 19 Klinische Bewertung, Leistungsbewertung
  • 20 Allgemeine Voraussetzungen zur klinischen Prüfung
  • 21 Besondere Voraussetzungen zur klinischen Prüfung
  • 22 Verfahren bei der Ethik-Kommission
  • 22a Genehmigungsverfahren bei der Bundesoberbehörde
  • 22b Rücknahme, Widerruf und Ruhen der Genehmigung oder der zustimmenden Bewertung
  • 22c Änderungen nach Genehmigung von klinischen Prüfungen
  • 23 Durchführung der klinischen Prüfung
  • 23a Meldungen über Beendigung oder Abbruch von klinischen Prüfungen
  • 23b Ausnahmen zur klinischen Prüfung
  • 24 Leistungsbewertungsprüfung

Unter den §23b MPG fallen die Anwendungsbeobachtungen nach der Zulassung.

d) Medizinprodukte klinische Prüfverordnung MPKPV

Noch genauer regeln die Durchführungsbestimmungen der „Verordnung über die klinische Prüfung von Medizinprodukten“ (MPKPV) u.a. den Ablauf des Genehmigungsverfahrens.

Besondere Beachtung verdient der Anwendungsbereich der Verordnung:

Die Verordnung gilt für klinische Prüfungen […] gemäß den §§ 20 bis 24 des Medizinproduktegesetzes, deren Ergebnisse verwendet werden sollen zu:

  1. der Durchführung eines Konformitätsbewertungsverfahrens gemäß der Medizinprodukte-Verordnung,
  2. der Durchführung eines Konformitätsbewertungsverfahrens mit einem Medizinprodukt, das die CE-Kennzeichnung tragen darf, zur Erlangung einer neuen Zweckbestimmung, die über die der CE-Kennzeichnung zugrunde liegende Zweckbestimmung hinausgeht, oder
  3. der Gewinnung und Auswertung von Erfahrungen des Herstellers bezüglich der klinischen Sicherheit und Leistung eines Medizinproduktes, das die CE-Kennzeichnung tragen darf, sofern zusätzlich invasive oder andere belastende Untersuchungen durchgeführt werden.

D.h. die MPKPV gilt, wenn der Hersteller die Sicherheit und Leistungsfähigkeit eines Produkts (ggf. nach einer Änderung) erstmalig in den Verkehr bringen möchte oder wenn er mit einem bereits CE-gekennzeichneten Produkt invasive Untersuchungen durchführen will. Letztes aber nur, wenn es um die Bewertung von Sicherheit und Leistungsfähigkeit eines Medizinprodukts geht.

Eine Forschungsstudie zum Ausprobieren neuer MRT-Sequenzen (um das Beispiel von oben wieder aufzugreifen) fiele nicht in den Anwendungsbereich der MPKPV.

e) NB-MED und MEDDEV Dokumente

Die EU-Kommission und die benannten Stellen haben weitere Dokumente publiziert. Dazu zählen folgende MEDDEV und NB-MED Guidance Dokumente:

  • NB-MED/2.7/Rec1: Clinical investigations, clinical evaluation
  • MEDDEV 2.7/2 rev. 2: „Guidelines for Competent Authorities for making a validation/assessment of a clinical investigation application under directives 90/385/EEC and 93/42/EC”
  • MEDDEV 2.7/3 rev. 3: „Clinical investigations: serious adverse reporting under directives 90/385/EEC and 93/42/EC“
  • MEDDEV 2.7/4: “Guidelines on Clinical investigations: a guide for manufacturers and notified bodies”

Die obige Liste offenbart, dass es derzeit noch keine Dokumente gibt, die speziell dazu gedacht sind, die Konformität mit der MDR zu erreichen.

f) ISO 14155

Die genauesten Vorgaben an die Durchführung klinischer Prüfungen gibt die ISO 14155. Diese Norm trägt den Titel „Klinische Prüfung von Medizinprodukten an Menschen — Gute klinische Praxis“. Sie gibt beispielsweise vor,

  • wie Prüfpläne zu erstellen,
  • wie mit Änderungen umzugehen ist,
  • welche Dokumente und Formulare mit welchen Inhalten gefordert sind und
  • wer welche Verantwortung trägt.
Kapitelstruktur der EN ISO 14155:2011

Abb. 4: Kapitelstruktur der ISO 14155:2011 (zum Vergrößern klicken)

g) Weitere regulatorische Anforderungen im Kontext Medizinprodukte

Bitte beachten Sie auch diese Vorschriften und Best-Practices:

  • Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung MPSV
  • Verordnung über das datenbankgestützte Informationssystem über Medizinprodukte des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI Verordnung-DIMDIV)
  • FDA Guidances zur „Good Clinical Pratice“

h) Regulatorische Anforderungen für klinische Studien im Rahmen der Forschung

Dient die klinische Studie nicht dem Nachweis der Sicherheit und Leistungsfähigkeit  im Rahmen der Zulassung eines Produkts, gelten die meisten o.g. Regularien nicht.

Dennoch sind die Regeln der „Good Clinical Practice“ beispielsweise auch bei der klinischen Forschung einzuhalten. Die Deklaration von Helsinki ist in jedem Fall zu beachten. Meist muss ein Votum der Ethik-Kommission eingeholt werden. Ausnahmen stellen nicht-interventionelle Anwendungsbeobachtungen dar.

5. Fazit, Zusammenfassung, Tipps

Dass sich viele Hersteller scheuen, ihre Medizinprodukte einer klinischen Prüfung zu unterziehen, ist sehr verständlich. Die Aufwände dafür und die regulatorischen Anforderungen daran sind immens. Zu leicht unterlaufen hier Fehler, die den Wert der Studie zunichte machen oder gar strafrechtliche Konsequenzen haben.

Die MDR erhöht zum einen die Anforderungen an die klinischen Prüfungen und zum anderen die Fälle, in denen eine solche klinische Prüfung notwendig wird. Das liegt auch daran, dass die MDR und bereits jetzt viele benannte Stellen nur klinische Daten (z.B. aus der Literatur) akzeptieren, die mit sehr äquivalenten Produkten erhoben wurden.

Daher empfiehlt das Johner Institut, jetzt(!) mit den eigenen Produkten im Rahmen von Beobachtungsstudien die noch fehlenden klinische Daten zu erheben, um eine klinische Prüfung bei der Neuzulassung der Produkte im Rahmen der MDR zu vermeiden.


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9 Kommentare über “Klinische Prüfungen von Medizinprodukten: Die 6 größten Herausforderungen”

  1. T. Matz schrieb:

    Hallo Prof. Johner, vielen Dank für den wieder sehr aufschlussreichen Artikel. Ich habe durch ein MedTechEurope Dokument erfahren, dass die ISO 14155 voraussichtlich Mitte des Jahres 2018 als Draft International Standard (DIS) und damit auch als Entwurf DIN EN ISO 14155 erscheinen und ggf. Mitte 2019 veröffentlicht wird. Es macht sicher Sinn, dass bei der Überarbeitung der Prozesse im Unternehmen nicht nur die MDR, sondern auch gleich die kommenden Anforderungen der neuen ISO 14155 berücksichtigt werden, damit die demnächst erhobenen Daten auch gleich internationale Annerkennung finden. Leider ist es mir nicht gelungen jemanden aus dem Gremium ISO/TC 194/WG zu ermitteln, der mir Infos zu den „Hauptänderungen“ geben kann. Haben Sie Kontakte zur ISO/TC 194/WG und können Sie ggf. mal einen Artikel zu den kommenden Änderungen publizieren? Ich denke das wäre sehr interessant für Viele.

  2. Prof. Dr. Christian Johner schrieb:

    Danke für diese großartige Anregung, lieber Herr Matz!

    Das kommt gleich in den Redaktionsplan!

    Viele Grüße, Christian Johner

  3. T. Matz schrieb:

    Ergänzend zu meinem Kommentar: ich habe gesehen, dass auch ein FDA Guidance referenziert wurde. Dazu vielleicht auch ein Update -> es gibt seit 02/2018 eine neue Richtlinie, die in den nächsten 12 Monaten gültig wird (new guidance ‚Acceptance of Clinical Data to Support Medical Device Applications and Submissions) https://www.fda.gov/downloads/MedicalDevices/DeviceRegulationandGuidance/GuidanceDocuments/UCM597273.pdf
    Wer seine Produkte international, insbesondere in den Gebieten EU, USA und Japan zulässt und in den nächsten 2 Jahren Studien plant, sollte m.E. die MDR, die neue ISO 14155 und die neuen FDA Richtlinien berücksichtigen. Sonst besteht die Gefahr, dass „doppelte Arbeit“ geleistet werden muss.

  4. Arpad Bischof schrieb:

    Wie würden Sie Anwendungsbeobachtung in Englischer Sprache benennen?

    Ich gebe mal ein paar Vorschläge:
    – observational study
    – surveillance study
    – clinical application study
    – clinical application observation?

  5. Prof. Dr. Christian Johner schrieb:

    Meist übersetzt man es mit „clinical observation study“.

    Surveillance wird eher im Kontext der Post-Market Surveillance genutzt.

  6. T. Matz schrieb:

    Die angekündigte ISO/DIS ist gerade erschienen:
    https://www.beuth.de/de/norm-entwurf/din-en-iso-14155/289646651
    Beste Grüße. T. Matz

  7. T. Matz schrieb:

    Hallo Herr Johner, zwischenzeitlich ist auch die ISO/DIS 14971 erschienen:
    https://www.beuth.de/de/norm-entwurf/din-en-iso-14971/290649384
    Dies ist m.E. so interessant, da die ISO 14155 nur im Zusammenhang mit der ISO 14971 gültig ist und beide Drafts auch schon einen Z-Anhang mit Bezug zur MDR aufweisen. Wer seine Prozesse in Bezug auf die MDR gerade überarbeitet, sollte dies gleich mit aufnehmen! „Rund“ wird dies m.E. wenn man auch gleich das QM-System auf Basis MDR und 13485:2016 überarbeitet. Auch dazu gibt es schon eine Veröffentlichung (PD CEN TR 17223_2018 Guidance on the relationship between EN ISO 13485_2016). MfG T. Matz

  8. Amm schrieb:

    Sehr geehrter Herr Professor Johner,

    Ich bin Student der TU München und führe gerade ein Projektstudium zum Thema Digialisierung von klinischen Studien für Medizin Produkte durch.

    Um den Markt besser zu verstehen stellt sich mir die Frage, welche Kategorie von Medizinproduktherstellern führen im Rahmen der klinischen Bewertung bei der Zulassung der Medizinprodukte und/ oder der Post Market Surveillance (PMS) eigene klinische Studien durch? Hängt es von der Risikoklasse oder Neuartigkeit der Technologie/ Verfahren ab?
    Was sind weitere Faktoren dafür, dass klinische Daten (durch Post Market Clincal Follow Up) von den Medizin Produkt Herstellern erhoben werden müssen um die Audits zu bestehen? Und bei welchen Herstellern ist es ausreichend die klinische Bewertung/ Evidenz durch Literatur Daten oder äquivalente Konkurrenz Medizin Produkte erfolgreich zu beweisen? Entscheiden das Auditoren nach Vorgaben der MDR oder MEDDEV?

    Können Sie mir dazu Produkt Beispiele oder Kategorien?

    Vielen Dank für ihre Hilfe im Voraus.

    K. Amm

  9. Prof. Dr. Christian Johner schrieb:

    Es gibt keine generelle Kategorien. Diejenigen, die noch nicht ausreichend klinische Daten haben, müssen klinische Prüfungen durchführen. Das kann mit der MDR auch Hersteller von alten Produkten treffen.

    Bei neuartigen Verfahren, bei denen es keine Vergleichsprodukte gibt, ist die klinische Prüfung hingegen meist notwendig.

    Die Anforderungen, wann die MDR eine klinische Prüfung verlangt (insbesondere bei Klasse III und bei Implantaten der Klasse IIb), beschreibt die MDR ganz gut. Außer in den dort genannten Ausnahmen immer.

    Die Audits und Zulassungen sollten nicht verwechselt werden.

    Die klinische Bewertung muss immer auf Basis klinischer Daten erfolgen. Wenn die vorhandenen Daten nicht ausreichend sind, um die Sicherheit, die Leistungsfähigkeit und den klinischen Nutzen zu beweisen, ist immer eine klinische Prüfung notwendig.

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