Es ist nicht einfach, in Brasilien Medizinprodukte zuzulassen. Das liegt sowohl an der Anzahl und Komplexität der Regularien als auch an der Tatsache, dass Brasilien die meisten Regularien nur auf Portugiesisch veröffentlicht hat.

Dieser Artikel verschafft Ihnen einen Überblick und stellt die Gemeinsamkeiten mit dem europäischen und dem US-amerikanischen System vor. So wird es Ihnen einfacher gelingen, die Regularien zu verstehen und zu erfüllen. Unnötige Rückweisungen durch die brasilianische Behörde und damit einen Verzug der Zulassung können Sie so vermeiden und die Zulassung in Brasilien schneller und einfacher schaffen.

1. Das brasilianische Rechtssystem für Medizinprodukte

ANVISA ist die in Brasilien für Medizinprodukte verantwortliche Behörde. Vergleichbar mit der FDA

  • erlässt sie Gesetze zu Medizinprodukten,
  • prüft sie deren Zulassung und
  • überwacht sie die Konformität der QM-Systeme der Hersteller mit den brasilianischen Anforderungen.

Die Anforderungen der ANVISA weisen viele Ähnlichkeiten mit der europäischen Medizinprodukterichtlinie (93/42/EWG) und den US-amerikanischen Quality System Regulations (21 CFR part 820) auf:

  • Hersteller, die über ein QM-System gemäß 21 CFR Part 820 verfügen, erfüllen auch weitgehend die brasilianischen Anforderungen an ein QMS.
  • So wie die EU und die FDA registrierte lokale „Bevollmächtigte“ bzw. Repräsentanten verlangen, bedarf es eines Brazilian Registration Holders.
  • Nach ähnlichen Regeln wie in Europa teilt die Behörde Medizinprodukte in Klassen ein. Diese Klassen bestimmen wiederum den Aufwand und die Dauer für die Zulassung der Produkte. Mehr zur Klassifizierung erfahren Sie weiter unten.

Darüber hinaus gibt es in Brasilien landesspezifische Anforderungen wie die nach einem INMETRO-Zertifikat. Dazu später mehr.

2. Medizinproduktegesetze in Brasilien

Die wichtigsten brasilianischen Gesetze finden Sie in der folgenden Übersicht:

ProdukttypResolutionInhalt
MedizinprodukteRDC 185/2001Registrierung, Änderung, Verlängerung und Löschung von Medizinprodukten
MedizinprodukteRDC 270/2019
RDC 423/2020
Anforderungen an die Registrierung von Klasse-I- und Klasse-II-Produkten
In-Vitro-DiagnostikaRDC 36/2015 Klassifizierungsregeln und Anforderungen zu Registrierung und Kennzeichnung von IVDs
AlleRDC 211/2018Gültigkeit von Registrierungen
AlleRDC-16/2013Brazilian Good Manufacturing Practices
AlleDecree No. 8077/2013Regelt die Zulassung und Überwachung von Produkten durch die Behörde in Brasilien
AlleLaw No. 6360/1976Allgemeines Gesetz zur Gesundheitsüberwachung

3. Klassifizierung gemäß RDC-185/2001

Hersteller, die ein Medizinprodukt in Brasilien zulassen möchten, müssen zunächst die Risikoklasse des Produkts bestimmen. ANVISA unterscheidet dabei die Klassen I (niedriges Risiko) bis IV (hohes Risiko).

Produkte werden anhand von 18 Regeln klassifiziert, die der Anhang II der RDC-185/2001 festlegt. Diese wurden weitgehend aus der europäischen Medizinprodukterichtlinie (MDD) übernommen und entsprechen dem Stand der MDD aus dem Jahr 2001.

Nutzen Sie die folgende Tabelle als Leitlinie für die Klassifizierung Ihres Produktes:

EUBrasilien
II
IIaII
IIbIII
IIIIV

 

Vorsicht!

Beachten Sie jedoch, dass sich bei bestimmten Produkten die Klassifizierung nicht übertragen lässt, da es Änderungen der europäischen Regeln gab. Davon können zum Beispiel Softwareprodukte oder chirurgisch-invasive Produkte betroffen sein.

Mit der Medizinprodukteverordnung (MDR) hat Europa weitere Neuerungen eingeführt, die dazu führen, dass sich die Klassifizierungssysteme auseinanderentwickeln. Dies erschwert eine Übertragung der Klassifizierung.

In absehbarer Zukunft wird sich dies jedoch wieder ändern. Im Oktober 2019 veröffentlichte ANVISA die „Public Consultation 730“. Diese soll die RDC-185/2001 ersetzen und enthält unter Anderem eine neue Definition des Begriffs „Medizinprodukt“, der erstmalig explizit Software einschließt. Auch Klassifizierungsregeln werden sich ändern und sich an die MDR anlehnen.

4. Voraussetzungen für die Zulassung von Medizinprodukten in Brasilien

Bevor Hersteller die Zulassungsunterlagen bei der brasilianischen Behörde einreichen können, müssen sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

1. Voraussetzung: Das B-GMP-Zertifikat

Hersteller müssen die Anforderungen der Brazilian Good Manufacturing Practices (B-GMP) erfüllen. Diese sind stark an die Quality System Regulations (21 CFR 820) der FDA angelehnt.

Hersteller von Produkten der Klassen I und II müssen diese Anforderungen erfüllen, werden jedoch nicht von ANVISA überprüft. Sie sind auch nicht verpflichtet, bei der Zulassung ein B-GMP-Zertifikat einzureichen. Hingegen benötigen Hersteller von Produkten der Risikoklassen III und IV ein B-GMP-Zertifikat für die Produktzulassung.

Tipp

Bitte beachten Sie: Ein solches Zertifikat kann erst nach einer Inspektion, z.B. durch ANVISA, ausgestellt werden. Es kann lange Vorlaufzeiten von Seiten der Behörde bis zum Audit geben kann.

Mit der im Oktober 2017 verabschiedeten Resolution RDC-183/2017 hat ANVISA wesentliche Vereinfachungen zur Erlangung des B-GMP-Zertifikats geschaffen:

  • ANVISA erkennt MDSAP-Audits an, wenn die brasilianischen Anforderungen berücksichtigt wurden.
  • ANVISA erkennt Auditberichte von anerkannten Stellen aus Mitgliedsländern des IMDRF an.

Die Einreichung eines oben genannten Auditberichts kann die Ausstellung des B-GMP-Zertifikats und die Zulassung Ihres Medizinprodukts in Brasilien beschleunigen. 

B-GMP-Zertifikate sind zwei Jahre gültig und müssen spätestens sechs Monate vor Ablauf durch den Brazilian Registration Holder (BRH) neu beantragt werden.

Die Kosten für ein GMP-Zertifikat machen einen großen Teil der Zulassungskosten aus und können sich auf etwa 25.000 EUR je Gültigkeitszeitraum belaufen.

2. Voraussetzung: Der Brazilian Registration Holder (BRH)

Eine weitere Voraussetzung für die Zulassung in Brasilien ist ein regionaler Vertreter vor Ort, der Brazilian Registration Holder (BRH). Der BRH muss offiziell ernannt werden und ist gesetzlich für die zugelassenen Produkte in Brasilien verantwortlich.

Diese Aufgabe kann ein Firmensitz in Brasilien oder ein Vertriebshändler übernehmen. Auch unabhängige Unternehmen dürfen die Aufgaben des BRH wahrnehmen.

Vorsicht!

Wählen Sie den BRH mit Bedacht aus, da er Ihre Registrierung hält! Sie sind damit in seiner Abhängigkeit.

Zu den Aufgaben des Brazilian Registration Holders zählen:

  • Kommunikation mit ANVISA
  • Beantragung des B-GMP-Zertifikats
  • Einreichung der Zulassungsunterlagen
  • Marktüberwachung (zumindest trägt der BRH die Verantwortung dafür)
  • Vigilanz: Der BRH berichtet Rückrufe und Vorkommnisse an ANVISA.

3. Voraussetzung: Das INMETRO-Zertifikat

INMETRO ist das nationale Institut für Messtechnik, Qualität und Technologie. Einige Medizinprodukte benötigen für die Zulassung durch ANVISA ein Zertifikat, welches belegt, dass ein Produkt die zutreffenden brasilianischen Normen und Anforderungen einhält.

Die Prüfung und das zugehörige Zertifikat können von INMETRO selber oder von einer von INMETRO anerkannten Stelle ausgestellt werden. Das INMETRO-Zertifikat hat eine Gültigkeit von fünf Jahren.

Medizinprodukte, die ein INMETRO-Zertifikat benötigen, sind u.a.:

  • Elektrische Geräte
  • Sterile Injektionsspritzen zum Einmalgebrauch
  • Brustimplantate
  • Chirurgische und nicht-chirurgische Handschuhe aus Kautschuk
  • Kondome

Die komplette Produktliste, die größtenteils Nicht-Medizinprodukte enthält, können Sie hier einsehen. 

Planen Sie drei bis 12 Monate ein, um Ihr INMETRO-Zertifikat zu erlangen. Beachten Sie auch, dass für die Aufrechterhaltung des Zertifikats laufende Kosten anfallen.

4. Voraussetzung: Das ANATEL-Zertifikat

ANATEL ist die nationale Telekommunikations-Behörde Brasiliens. Alle Medizinprodukte, die über ein Funkmodul verfügen, benötigen für die Zulassung durch ANVISA ein Zertifikat von ANATEL. Ebenso wie das INMETRO-Zertifikat ist die Notwendigkeit ein ANATEL-Zertifikat einzureichen nicht von der Produktklasse abhängig. Sie benötigen also auch für ein Klasse I Produkt ein ANATEL-Zertifikat, wenn es über ein Funkmodul verfügt.

Aktuell werden nur brasilianische Produkttests von ANATEL anerkannt. Unter Umständen müssen Sie ihr Produkt für den brasilianischen Markt somit erneut prüfen lassen.

5. Zulassungsprozess

ANVISA unterscheidet zwei Zulassungswege. Diese richten sich nach der Klassifizierung.

  • Klasse-I- und Klasse-II-Produkte werden an ANVISA gemeldet und erhalten im Anschluss eine Registriernummer (Notificacao).
  • Klasse-III- und Klasse-IV-Produkte durchlaufen ein vollständiges Zulassungs- und Prüfungsverfahren (Registro).
Abb. 1: Übersicht über die Zulassungsverfahren in Brasilien. Deren Wahl hängt von der Klasse des Medizinprodukts ab. (zum Vergrößern klicken)

6. Anforderungen an die Dokumentation

Die Klasse und damit die Zulassungsverfahren bestimmen auch die Anforderungen an die Dokumentation. Je höher die Klasse ihres Produktes, desto umfangreicher sind die Anforderungen an die Dokumentation.

a) Anforderungen, die für alle Klassen gelten

Unabhängig von der Klasse des Produkts müssen die Hersteller die (Dokumentations-) Anforderungen der Anhänge III A, III B und III C der RDC-185/2001 erfüllen:

AnhangInhalt
III AFormular mit allgemeinen Informationen zu Produkt, Hersteller und Zulassungsart. Dieses wird Ihr BRH bei ANVISA einreichen.
III BAnforderungen an das Labeling und die Gebrauchsanweisung:
– U.a. müssen alle Informationen auf Portugiesisch vorliegen.
– Das Label muss die Registrierungsnummer von ANVISA enthalten.
III CAnforderungen an den technischen Bericht

Darüber hinaus benötigen die Hersteller Nachweise über

  • die Einhaltung von technischen Anforderungen (soweit zutreffend in Form eines INMETRO-Zertifikats) und
  • eine Bestätigung über die Zahlung der Zulassungsgebühren.

b) Anforderungen an die Zulassung von Medizinprodukten der Klassen I und II

Produkte der Klassen I und II werden über ein vereinfachtes Verfahren zugelassen. Zusätzlich zu den oben genannten Anforderungen reichen Sie eine Beauftragung des BRH und eine Bestätigung über die Einhaltung der B-GMP-Anforderungen ein. Die Behörde erteilt ohne Prüfung der technischen Dokumentation eine Registrierungsnummer.

Es ist ANVISA jedoch erlaubt, weitere Dokumente anzufordern.

Vorsicht!

Bitte beachten Sie: Falls eine Überprüfung durch ANVISA stattfindet, müssen Sie Ihrem BRH die technische Dokumentation zur Verfügung stellen.

Für Produkte der Klassen I und II gilt eine unbegrenzte Zulassung.

c) Anforderungen an die Zulassung von Medizinprodukten der Klassen III und IV

Für Medizinprodukte der Klassen III und IV führt ANVISA eine ausführliche Prüfung der Dokumentation durch. Die Behörde verpflichtet die Hersteller, zusätzlich zu den oben genannten Dokumenten weite Teile Ihrer technischen Dokumentation einreichen. Dazu zählen unter anderem:

  • Produktbeschreibung
  • Anforderungen an das Produkt
  • Informationen zum Risikomanagement
  • Software- bzw. Firmware-Beschreibung
  • Klinische Bewertung
  • Tests zu Biokompatibilität, elektrischer Sicherheit oder elektromagnetischer Verträglichkeit (soweit zutreffend)
  • Nachweise zur Gebrauchstauglichkeit

ANVISA wird die eingereichte Dokumentation prüfen und bei Freigabe im DOU (Diário Oficial da União) veröffentlichen. Sie erhalten kein zusätzliches Zertifikat.

Die Zulassung von Klasse-III- und Klasse-IV-Produkten ist 10 Jahre gültig.

Vorsicht!

Verliert Ihr GMP-Zertifikat seine Gültigkeit, wird gleichzeitig die Produktregistrierung ungültig! Das GMP-Zertifikat müssen Sie alle zwei Jahre erneuern.

d) Anforderungen an die Zulassung besonderer Medizinprodukte in Brasilien

Für einige Produkte muss zusätzlich ein Wirtschaftsbericht eingereicht werden. Betroffene davon sind unter anderem orthopädische und kardiovaskuläre Produkte.

Die gesamte Liste finden Sie im Beschluss RE n° 3385/2006 und auf der Website von ANVISA. Dort steht auch ein hilfreiches Template für Ihren Wirtschaftsbericht bereit.

Der Wirtschaftsbericht enthält grundlegende Informationen zum Produkt sowie wirtschaftlich relevante Informationen wie Preisgestaltung, Absatzzahlen oder die geschätzte Anzahl behandelter Patienten.

7. Fazit und Zusammenfassung

Die Anforderungen an die Zulassung in Brasilien sind ebenso umfangreich wie jene in Europa oder den USA. Die meisten Unterlagen können die Firmen wiederverwenden, müssen diese allerdings ins Portugiesische übersetzen. Zudem gibt es einige Anforderungen zu erfüllen, die spezifisch für Brasilien sind.

Wie in Europa und den USA bestimmt die Klasse der Medizinprodukte die Dauer und den Aufwand für die Zulassung.

 Klasse IKlasse IIKlasse IIIKlasse IV
Komplexitätniedrigniedrighochhoch
Dauer1 Monat1 Monat~ 12 Monate~ 12 Monate
Gültigkeit der Zulassungunbegrenztunbegrenzt10 Jahre10 Jahre
B-GMP-Zertifikatnicht notwendignicht notwendigJa. 2 Jahre gültigJa. 2 Jahre gültig

Das Team vom Johner Institut kann Sie bei der Zulassung Ihrer Medizinprodukte in Brasilien unterstützen. Gerne beantwortet es Ihre Fragen, im Rahmen des Micro-Consultings sogar kostenlos.


Änderungshistorie:

2020-10-06: ANVISA eliminiert mit der RDC-423/2020 die Cadastro-Route für Klasse II Produkte: Anpassung der Abb. 1 an das neue System und Aktualisierung des Zulassungsverfahrens in Kapitel 5 und 6.b). 

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