Kategorien: Auf was Sie bei der Systementwicklung von Medizinprodukten achten müssen, Regulatory Affairs
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14 Kommentare

  1. K. Linnemayr | Donnerstag, 29. April 2021 um 12:21 Uhr - Antworten

    Zur Definition von Äquivalenz bzw. Gleichartigkeit:

    Welche stofflichen Medizinprodukte gelten als so „ähnlich“, um mit einem Produkt eine klinische Prüfung durchzuführen, und dann die anderen Produkte darauf für die klinische Bewertung zu beziehen? Wie „gleichartig“ müssen Produkte sein, um sich auf die klinischen Daten eines gleichartigen Produktes beziehen zu können? Wann ist „in einer Weise gleichartig sein, dass es keinen klinisch bedeutsamen Unterschied bei der Sicherheit und klinischen Leistung der Produkte“ dieser Punkt erfüllt?
    – bzw. welche sind so „verschieden“, dass eigene klinische Daten/Studien notwendig werden?
    Welche Rolle spielen verschiedene Hilfsstoffe bei der Definition der „Gleichartigkeit“?

    • Gibt es hierzu Empfehlungen durch europäische Guidelines oder veröffentlichte Fallentscheidungen?

    Beispiele:
    1. a) Nasenspray mit 0.9% NaCl
    b) Nasenspray mit 0.9% NaCl sowie Zitronenaroma
    c) Nasenspray mit 0.9% NaCl sowie Salbeiaroma

    2. a) Nasenspray mit 0.9% NaCl, konserviert
    b) Nasenspray mit 0.9% NaCl, konservierungsmittelfrei

    3) a) Nasenspray mit isotoner Meersalzlösung (7 Komponenten)
    b) Nasenspray mit isotoner Meersalzlösung (7 Komponenten, anderes Mengenverhältnis als bei a) )
    c) Nasenspray mit isotoner Meersalzlösung (4 Komponenten)


    • Maike Andersson | Donnerstag, 29. April 2021 um 12:58 Uhr - Antworten

      Liebe Frau Linnemayr,

      vielen Dank für Ihre Frage.

      Ich gehe einmal davon aus, dass die technische und klinische Äquivalent innerhalb der Produktgruppen 1, 2 und 3 gegeben ist.

      Bei den Nasensprays mit den verschiedenen Aromakomponenten (1 a und b) bzw. mit oder ohne Konservierungsstoffen (2 a und b) würde ich von einer biologischen Gleichwertigkeit ausgehen.
      Guidelines oder Empfehlungen dazu sind mir nicht bekannt, aber ich würde hier argumentieren, dass es sich um standardisierte Zusätze handelt, die nicht für die Zweckbestimmung verantwortlich sind und deren Sicherheitsprofil bekannt ist. Hier könnten Sie auch auf die Biokompatibilitätsbewertung verweisen. Ähnliches gilt aus meiner Sicht auch für Hilfsstoffe nach aktueller Pharm. Eur.

      Bei den isotonischen Sprays mit qualitativen und quantitativen Unterschieden bezüglich der Zusammensetzung der für die Zweckbestimmung verantwortlichen Inhaltsstoffe lässt sich Ihre Frage leider nicht so schnell beantworten. Hier sehe ich „Gaps“, die sie schließen sollten. Möglicherweise bietet sich an, eine in-vitro Studie durchzuführen, um die biologische Äquivalenz nachzuweisen, wenn eine solche hier gegeben ist, z. B. weil ausschließlich der isotone Charakter der Lösung für die Sicherheit und klinische Leistung der Produkte entscheidend ist.

      Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen hiermit hinreichend beantworten.

      Viele Grüße,
      Maike Andersson


  2. K. Linnemayr | Freitag, 30. April 2021 um 12:33 Uhr - Antworten

    Danke!


  3. Ilona Milke | Mittwoch, 19. Mai 2021 um 12:23 Uhr - Antworten

    Guten Tag Frau Andersson,

    meine Frage bezieht sich auf die oben erwähnte Klassifizierungsregel 21, dritter Spiegelstrich:
    – der Klasse IIa, wenn sie auf die Haut aufgetragen werden oder in der Nasenhöhle oder der Mundhöhle bis zum Rachen angewandt werden und ihre Zweckbestimmung an diesen Höhlen erfüllen…

    Verstehe ich das richtig, dass die Aussage „bis zum Rachen“, den gesamten Rachen miteinschließt und dieses ebenfalls als Höhle für die Erfüllung der Zweckbestimmung versteht?

    Vielen Dank im Voraus und viele Grüße,

    Ilona Milke


  4. Maike Andersson | Mittwoch, 19. Mai 2021 um 12:53 Uhr - Antworten

    Liebe Frau Milke,

    vielen Dank für Ihre interessante Frage, die schon häufiger an mich herangetragen wurde. Vieles in der MDR ist etwas missverständlich formuliert, so auch dieser Punkt in der Regel 21. Sie haben es genau richtig erkannt:

    Wenn das Produkt seine Zweckbestimmung im Rachen erfüllt, ist der dritte Spiegelstrich anzuwenden, d.h. dass der Rachen selbst als Höhle hier miteingeschlossen ist.

    Viele Grüße,
    Maike Andersson


  5. Jakob Faller | Mittwoch, 25. August 2021 um 08:20 Uhr - Antworten

    Guten Tag Frau Andersson,

    eine kleine Frage zur Kinetik (Punkt 2g): Sie schreiben, dass die Daten zur Kinetik nur für Medizinprodukte erhoben werden müssen, die eine Arzneimittelkomponente haben („die vom Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden und eine Arzneimittelkomponente enthalten,“), allerdings lese ich aus der MDR (Anhang I, 12 und Anhang IX 5.4a) Folgendes:
    „Produkte, zu deren Bestandteilen ein Stoff gehört, der als Arzneimittel gilt, und Produkte, die aus Stoffen oder aus Kombinationen von Stoffen bestehen, die vom menschlichen Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden“ bzw. „Die Qualität und Sicherheit von Produkten, die aus Stoffen oder Kombinationen von Stoffen bestehen, die dazu bestimmt sind, über eine Körperöffnung in den menschlichen Körper eingeführt oder auf die Haut aufgetragen zu werden, und die vom Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden, werden“.
    Meine Interpretation davon wäre, dass die Daten zur Kinetik für alle stofflichen Medizinprodukte gefordert sind, die in den Körper eingeführt / auf die Haut aufgetragen werden und sich lokal verteilen (z.B. auch ein Meerwasser-Nasenspray).
    Verstehe ich hier grundsätzlich etwas falsch und es geht doch nur um Produkte mit AM-Komponente, oder sind tatsächlich klinische Daten erforderlich?
    Und falls ja, gibt es Leitlinien zur Umsetzung der genannten Arzneimittelrichtlinie?
    Vielen Dank im Voraus und beste Grüße


    • Nadine Jurrmann | Dienstag, 31. August 2021 um 07:15 Uhr - Antworten

      Sehr geehrter Herr Faller,

      hiermit sind nur Produkte gemeint, die aus Stoffen oder Kombinationen von Stoffen bestehen, die dazu bestimmt sind, in den menschlichen Körper eingeführt zu werden, und die vom Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden. Entscheidend hierfür ist die Formulierung der Zweckbestimmung und die Inhaltsstoffe des Produktes. Bei diesen Produkten müssen die entsprechenden Nachweise zur Kinetik mittels vorklinischer und/oder klinischer Daten erfolgen (siehe Anhang II, 6.2).
      Arzneimittel wirken pharmakologisch, immunologisch oder metabolisch. Wenn stoffliche Medizinprodukte arzneilich wirksame Stoffe enthalten, die die bestimmungsgemäße Hauptwirkung unterstützen, werden sie nach Regel 14 MDR der Klasse III zugeordnet. Für diese Produkte sind, wie für alle anderen stofflichen Medizinprodukte der Klasse III, eigene klinische Prüfungen obligatorisch.
      Unser Fokus liegt im Medizinproduktebereich und die Interpretation der entsprechenden Leitlinien.

      Viele Grüße,
      Nadine Jurrmann.


  6. Jakob Faller | Dienstag, 31. August 2021 um 07:33 Uhr - Antworten

    Sehr geehrte Frau Jurrmann,
    hier muss ich doch nochmal nachhaken. Sie sprechen von stofflichen Medizinprodukten mit Arzneimittelkomponente und stofflichen Medizinprodukten der Klasse III.
    In der MDR steht „Produkte, zu deren Bestandteilen ein Stoff gehört, der als Arzneimittel gilt, UND Produkte, die aus Stoffen oder aus Kombinationen von Stoffen bestehen, die vom menschlichen Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden“. Das beinhaltet meiner Meinung nach auch einige stoffliche Medizinprodukte der Klasse IIb. Beispiel: Meerwasser-Panthenol-Nasenspray -> besteht aus Kombination von Stoffen, wird teilweise resorbiert und verteilt sich auf jeden Fall lokal im menschlichen Körper.
    Für die Erhebung der pharmakokinetischen Daten soll entsprechend der EU-Richtlinie 2001/83/EG gearbeitet werden – das ist eine Arzneimittelrichtlinie, die im Falle von stofflichen Medizinprodukten jetzt auch für MP-Hersteller Anwendung findet. Gibt es hierzu Arbeitsdokumente speziell für Medizinprodukte-Hersteller (da jetzt wohl einige Hersteller betroffen sein müssten).
    Daher die ursprüngliche Frage: ist es überhaupt noch möglich, solche Daten für stoffliche Medizinprodukte nicht zu erheben (hierbei geht es mir speziell um stoffliche Medizinprodukte, die weder der Klasse III angehören noch eine Arzneimittelkomponente haben)?
    Danke und viele Grüße


    • Nadine Jurrmann | Mittwoch, 1. September 2021 um 15:55 Uhr - Antworten

      Sehr geehrter Herr Faller,

      vielen Dank für Ihre spannenden Fragen. Der Umfang übersteigt leider dem, was wir kostenlos anbieten können. Ich antworte Ihnen dennoch gerne kurz zu jeder Frage:
      1. Im Moment sind uns keine Arbeitsdokumente speziell für Medizinprodukte-Hersteller bekannt. Jedoch sind Leitlinien der MDCG zum Thema Borderline & Klassifizierung geplant.
      2. Wenn es sich um standardisierte Zusätze handelt, die nicht für die Zweckbestimmung verantwortlich sind, sollten die vorklinischen und klinischen Daten, die mit jedem Medizinprodukt erhoben werden, ausreichen.
      Weitere Fragen könnten im Rahmen unserer kostenpflichtigen Dienstleistungen beantwortet werden.

      Viele Grüße,
      Nadine Jurrmann.


  7. Dr. Claudia Mattern | Donnerstag, 30. September 2021 um 11:55 Uhr - Antworten

    Sehr geehrte Frau Andersson,

    Vielen Dank für den sehr interessant Beitrag. Ist er auch in englischer Sprache verfügbar?

    Mit besten Grüssen,
    Dr. caludia Mattern


  8. Maike Andersson | Dienstag, 19. Oktober 2021 um 22:19 Uhr - Antworten

    Guten Tag Herr Faller,
    ich freue mich sehr, von Ihnen zu hören und hoffe, dass Sie meine Antwort auf diesem Wege erreicht.
    Die Forderung nach der Dokumentation der Kinetik der Inhaltsstoffe von stofflichen Medizinprodukten erzeugt eine große Unsicherheit.
    Unter 2g) zitiere ich den Anhang I Abschnitt 12.2 der MDR. Ein entscheidender Halbsatz in dem betreffenden Absatz lautet:“ beschränkt auf die nicht unter diese Verordnung fallenden Aspekte…“.
    Dies interpretiere ich so, dass die Dokumentation lediglich für den arzneilichen Anteil eines Klasse III Medizinproduktes gefordert ist, der nicht unter die MDR fällt. Eine Dokumentation der Pharmakokinetik von stofflichen Medizinprodukten ohne Komponente mit pharmakologischen, immunologischen oder metabolischem Wirkmechanismus würde aus meiner Sicht keinen Sinn ergeben, da sie zwar vom Körper aufgenommen oder lokal im Körper verteilt werden können, aber nicht verstoffwechselt werden.
    Viele Grüße,
    Maike Andersson


  9. Ilona Milke | Mittwoch, 2. März 2022 um 11:29 Uhr - Antworten

    Sehr geehrte Frau Andersson,

    könnten Sie mir bei der Fragestellung helfen, wie es sich bei stofflichen Medizinprodukten in Bezug auf die Anforderungen an die Reinraumklasse verhält?
    Hätten Sie da vielleicht einen Hinweis für mich, was dabei zu beachten wäre und welche Regelwerke und Normen hierfür relevant sein könnten?

    Vielen herzlichen Dank im Voraus.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ilona Milke


    • Daniel Schulke | Mittwoch, 2. März 2022 um 16:59 Uhr - Antworten

      Sehr geehrte Frau Milke,

      vielen Dank für Ihre interessante Frage!

      Alle regulatorischen Anforderungen bzgl. der Tätigkeiten im Reinraum werden in der Norm DIN ISO 14644 abgebildet. Sie besteht aus 18 Kapiteln und deckt Fragen bzgl. Betrieb, Klassifizierung, Oberflächenreinheit, Partikelgrößen etc. ab.
      Für ihre Frage der Stofflichen Medizinprodukte helfen die folgenden beiden Kapitel:
      Kapitel 14644-14 „Bewertung der Reinraumtauglichkeit von Geräten durch Partikelkonzentrationen in der Luft“
      Kapitel 14644-15 “ Bewertung der Reinraumtauglichkeit von Ausrüstungsgegenständen und Materialien anhand der chemischen und Oberflächenkonzentration“

      Wenn es um den Betrieb des Reinraums geht ist die DIN 12599 maßgeblich, Sie können aber auch Informationen aus der Leitlinie VDI 2083 gewinnen, die das Arbeiten und den Betrieb von Reinräumen reguliert.

      Ich hoffe, Ihre Frage damit hinreichend beantwortet zu haben.

      Mit freundlichen Grüßen
      Daniel Schulke


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