Medizinprodukte-PC: Software-Hersteller aufgepasst!

Freitag 12. Juni 2015


Der Begriff „Medizinprodukte-PC“ ist nicht eindeutig definiert. Allerdings verstehen unter einem Medizinprodukte-PC die meisten

  • entweder einen PC, der als Medizinprodukt zusammen mit der Software in Verkehr gebracht wird,
  • oder einen PC, der aufgrund seiner elektrischen Sicherheit und elektromagnetischen Verträglichkeit geeignet ist, z.B. im OP eingesetzt zu werden. Dabei ist der PC aber selbst kein Medizinprodukt, da erst der Inverkehrbringer oder Betreiber z.B. durch das Aufspielen von Software die dazu notwendige Funktionalität bereitstellt.

Fallunterscheidungen bei Medizinprodukte-PCs

Fall A): Standalone Software

Wenn Sie als Hersteller nur standalone Software ausliefern, stellt sich die Frage nach den Medizinprodukte-PCs noch nicht. Diesen Fall müssen wir im Rahmen dieses Artikel nicht weiter untersuchen.
Medizinprodukte-PC: nur Software

Fall B): Software (Medizinprodukt) wird mit PC ausgeliefert

Doch was passiert, wenn Sie Ihre Software gemeinsam mit der Hardware ausliefern wollen, beispielsweise um

  • Ihren Code vor Diebstahl zu schützen,
  • sicherzustellen, dass Ihre Software auf der spezifizierten bzw. auf ausreichend dimensionierter Hardware läuft,
  • Risiken durch eine Ihnen nicht bekannte Hardware zu minimieren oder um
  • etwas Geld a PC mitzuverdienen :-).
Medizinprodukte-PC: Medizinprodukt mit Hardware und Software

Zu den Beispielen für diesen Fall zählen Software

  • für die Therapieplanung (Bestrahlungsplanung, Medikationsplanung),
  • für die Invitro-Diagnostik (z.B. für Trisonomie 21) oder
  • zur Betrachtung und Befundung von radiologischen Bildern.

Fall C): Medizinprodukt aus Software und Hardware (ohne „Patientenkontakt“)

Es kann auch sein, dass die Software überhaupt nicht ohne die Hardware ausgeliefert werden kann, insbesondere wenn es sich um eine spezielle Hardware handelt wie

  • besondere externe Anschlüsse,
  • eigenentwickelte Hardware-Komponenten bzw. FPGA oder
  • spezielle mechanische, elektromechanische, pneumatische oder hydraulische Komponenten

oder wenn ein spezielles oder eigenentwickeltes Betriebssystem zum Einsatz kommt.

Zu Beispielen für diesen Fall zählen

  • IVDs, die nicht nur Software sind, und
  • Systeme mit besonderen Anforderungen an die Rechenleistungen wie bei der Simulation, Bildverarbeitung oder Therapieplanung.

Der Unterschied zwischen Fall B) und C) besteht nur darin, dass bei B) der Hersteller vor der Überlegung stehen kann, ob er die Medizinprodukte-Software mit oder ohne Hardware ausliefert. Im Fall C) sind beide als eine Einheit, als ein Medizinprodukt konzipiert.

Fall D): Medizinprodukte-PC, der kein Medizinprodukt ist

Einige Hardware-Hersteller vermarkten sogenannte Medizinprodukte-PCs, die selbst gar kein Medizinprodukt sind, aber dazu gedacht sind, im „Patienten-Umfeld“ wie dem OP eingesetzt zu werden oder als Komponenten für Medizinprodukte-Hersteller (siehe z.B. 4. Fall) gedacht sind,

Fall E): Medizinprodukt aus Software und Hardware (z.B. PC) mit „Patientenkontakt“

Die Grenzen zwischen Medizintechnik und IT verschwimmen zunehmen. Beispielsweise sind Ultraschallgeräte im Wesentlichen PCs, die über ein sogenanntes Anwendungsteil, hier über eine Ultraschall-Sonde verfügen. Auch EKGs fallen immer häufiger in diese Geräteklasse.

Medizinprodukte-PC: Hardware einschließlich Anwendungsteil und Software

Regulatorische Anforderungen an Medizinprodukte-PCs

Regularien in der Übersicht

Als Regularien kommen in Betracht:

  1. Medizinprodukterichtlinie bzw. Medizinproduktegesetz
  2. Allgemeine Normen für Medizinprodukte wie ISO 14971, IEC 62366 und IEC 62304.
  3. Regularien, die Anforderungen an die elektrische Sicherheit und elektromagnetische Verträglichkeit stellen wie die IEC 60601-1 und die VDE 0751 bzw. VDE 0702.
  4. Allgemeine Anforderungen an Produkte (nicht nur Medizinprodukte) wie die (elektrische) Sicherheit.

Mapping der Regularien auf die oben beschriebenen Fälle

Fall A): Standalone Software

Für Medizinprodukte, die nur aus standalone Software bestehen, sind die Regularien 1. und 2. einzuhalten also insbesondere die ISO 14971, IEC 62366 und IEC 62304.

Fälle B) und C): Software wird mit Hardware ausgeliefert, aber kein Patientenkontakt

Für diese Fälle gelten die gleichen Anforderungen wie beim Fall A), allerdings wird der Hersteller Hardware einkaufen (oder entwickeln), die den allgemeinen Anforderungen an Produkte (4.) genügen.

Muss diese Hardware auch die Anforderungen gemäß 3. insbesondere der IEC 60601-1 erfüllen? Nein. Weshalb, lesen Sie weiter unten.

Fall D): Medizinprodukte-PC als Nicht-Medizinprodukt

Da der PC kein Medizinprodukt ist, muss er keine entsprechenden spezifische regulatorischen Anforderungen (1., 2., 3.), sondern nur die allgemeinen Anforderungen (4.) erfüllen. Schließlich ist der Hersteller dieses Medizinprodukte-PCs kein Inverkehrbringer eines Medizinprodukts.

Allerdings wird der Hersteller die Regularien gemäß 3.einhalten, weil das ja genau das Nutzenversprechen ist, dass er seinen Kunden gibt.

Fall E): Medizinprodukt mit „Patientenkontakt“

In diesem Fall sind die Forderungen 1.-4. einzuhalten. Hier müssen sich Hersteller definitiv um die IEC 60601-1 und Aspekte wie Ableitströme, Luft- und Kriechstrecken kümmern. Die Begründung folgt nun:

Zusammenfassung

Fall 1. MPG, MDD 2. Allg. Normen wie ISO 14971 3. Elektr. Sicherheit, IEC 60601-1 u.a. 4. Allg. Anf. an alle Produkte
Fall A): Stanalone Software (SW)  x  x  —  x
Fall B): Software (Medizinprodukt) inkl. PC-Hardware (HW)  x  x  —  x
Fall C): Medizinprodukt aus SW und (PC-)HW  x  x  —  x
Fall D): Medizinprodukte-PC, kein Medizinprodukt  —  ??  x
Fall E): Medizinprodukt mit Patientenkontakt  x  x  x  x

Wann die IEC 60601-1 bei Medizinprodukte-PCS anzuwenden ist

Die IEC 60601-1 gilt nach eigener Aussage (nur) für die Basissicherheit und die wesentlichen Leistungsmerkmale von medizinischen elektrischen Geräten (ME-Geräte) und medizinischen elektrischen Systemen (ME-Systeme). Dabei definiert die IEC 60601 die Begriffe wie folgt:

  • Definition “ME-Gerät”: Ein ME-Gerät ist ein 
elektrisches Gerät, das ein Anwendungsteil hat oder das Energie zum oder vom Patienten überträgt bzw. eine solche Energieübertragung zum oder vom Patienten anzeigt und für das Folgendes gilt:
    • ausgestattet mit nicht mehr als einem Anschluss an ein bestimmtes Versorgungsnetz und
    • von seinem Hersteller zum Gebrauch bestimmt:
      • in der Diagnose, Behandlung oder Überwachung eines Patienten,
      • zur Kompensation oder Linderung einer Krankheit, Verletzung oder Behinderung.
  • Definition “Anwendungsteil”: Teil des ME-Geräts, das bei bestimmungsgemäßem Gebrauch zwangsläufig in physischen Kontakt mit dem Patienten kommt, damit das ME-Gerät oder ein ME-System seine Funktion erfüllen kann
  • Definition “ME-System”:  Ein ME-System ist die 
Kombination von einzelnen Geräten, wie vom Hersteller festgelegt, von denen mindestens eines ein ME- Gerät sein muss und die durch eine Funktionsverbindung oder durch den Gebrauch einer Mehrfachsteckdose zusammengeschlossen sind.

Die IEC 60601-1 ist also nur bei ME-Geräte bzw. ME-Systemen anwendbar:

  • Im den Fällen A), B) und C) ist das nicht gegeben, die IEC 60601-1 ist also nicht anwendbar.
  • Im Fall D), beim Medizinprodukte-PC lässt sich die Frage nicht eindeutig beantworten, weil noch nicht klar ist, was der Medizinproduktehersteller bzw. der Betreiber damit machen will.
  • Im Fall E) ist die IEC 60601-1 einzuhalten.
Medizinprodukte-PC

Medizinprodukte-PC bei standalone Software?

Software mit oder ohne PC in Verkehr bringen

„Wir haben eine Software, die auf einem Standard-PC laufen soll“ fragt man mich in meiner Auditsprechstunde. „Muss ich dann auch für den PC ein Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen? Oder genügt das für die Software? Ganz verstehe ich MPG §10 nicht, in dem es um Kombinationen geht…“

Wenn Sie eine stand-alone Software als Medizinprodukt in Verkehr bringen wollen, dann ist das absolut möglich. Es ist also nicht notwendig, die Software einschließlich der Hardware (z.B. PCs) als Behandlungseinheit in Verkehr zu bringen und gemeinsam einem Konformitätsbewertungsverfahren zu unterwerfen, weil – so vielleicht der Gedankengang – die Software ohne die Hardware gar nicht alleine lauffähig ist. Vielmehr können (und müssen) Sie in der Zweckbestimmung der Software angeben, in welcher Umgebung, als auf welcher Hardware, welchem Betriebssystem, welchen sonstigen Ressourcen sie laufen muss. Folglich muss nur die Software das Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen. Wir sprechen wohlgemerkt von Medizinprodukten, die nicht am Patienten angewendet werden.

Wenn Sie aber beschließen, die Software und den PC gemeinsam in Verkehr zu bringen, müssen beide zusammen das Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen. Diese Inverkehrbringung als Kombination als Vor- und Nachteile:

Vorteile:

  • Sie können die Hardware teuer verkaufen. Sie ist schließlich ein Medizinprodukt. 🙂
  • Sie haben das Gesamtsystem besser im Griff, können Risiken genauer abschätzen und besser beherrschen. Das macht beispielsweise Apple-Rechner etwas stabiler als Windows-Systeme. Sagen zumindest die Apple-Jünger 😉

Nachteil

  • Bei jeder Hardwareänderung – und das dürfte bei den heutigen Produktzyklen häufig sein – ist eine erneute Konformitätsbewertung notwendig.
  • Diese Konformitätsbewertung beinhaltet auch den PC. Die elektromagnetische Verträglich und die elektrische Sicherheit sind also beispielsweise zu prüfen.

Was die bessere Variante ist, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Für mich war es immer die elegantere Lösung, nur die die Software als Medizinprodukt in Verkehr zu bringen – wenn das Risikomanagement das erlaubt.

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Kategorien: Auf was Sie bei der Systementwicklung von Medizinprodukten achten müssen, Health IT & Medizintechnik
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