Prof. Dr. Christian Johner

Autor: Prof. Dr. Christian Johner

Inhaber der Johner Institut GmbH

IVD (In-vitro Diagnostika)

Donnerstag 25. Januar 2018

In-vitro Diagnostika IVD sind Medizinprodukte, typischerweise Laborgeräte, mit der von oder aus dem Körper stammende Proben zur Diagnose analysiert werden. Auch standalone Software kann als IVD zählen.

Updates:

Weiterführende Informationen

Lesen Sie hier mehr zur neuen EU-Verordnung, der IVDR.

Definition des Begriffs IVD

In-vitro Diagnostika (IVDs) sind gemäß Medizinprodukterichtline MDD (93/42/EWG) definiert als

Jedes Medizinprodukt, das als Reagenz, Reagenzprodukt, Kalibriermaterial, Kontrollmaterial, Kit, Instrument, Apparat, Gerät oder System — einzeln oder in Verbindung miteinander — nach der vom Hersteller festgelegten Zweckbestimmung zur In-vitro-Untersuchung von aus dem menschlichen Körper stammenden Proben, einschließlich Blut- und Gewebespenden, verwendet wird und ausschließlich oder hauptsächlich dazu dient, Informationen zu liefern

  • über physiologische oder pathologische Zustände oder
  • über angeborene Anomalien oder
  • zur Prüfung auf Unbedenklichkeit und Verträglichkeit bei den potentiellen Empfängern oder
  • zur Überwachung therapeutischer Maßnahmen.

Beispiel für ein IVD In-vitro Diagnostika

Regulatorische Anforderungen an IVD

IVDD: Die Richtlinie für In-vitro Diagnostika

Die gesetzlichen Regelungen, konkret das Medizinproduktegesetz MPG, verweisen auf die europäische Richtlinien, konkret auf die 98/79/EG, die IVD Richtlinie. Diese definiert die grundlegenden Anforderungen an Medizinprodukte, hier in-vitro Diagnostika.

Die europäischen Richtlinien (MDD, IVD, AIMD) gleichen sich weitgehend:

Im Gegensatz zur Richtlinie MDD kennt die IVD-Richtlinie keine Klassifizierung (I, IIa, IIb, III), sondern verschiedene Listen, in die die Hersteller von Medizinprodukten ihre In-vitro Diagnostika einteilen müssen.

Die IVD-Richtlinie wird durch eine europäische Verordnung für IVD abgelöst. Lesen Sie hier mehr zu den Medizinprodukte-Verordnungen (MDR).

Weitere Regularien

Das Medizinproduktegesetz setzt die Forderungen der EU-Richtlinie für IVD in nationales Recht um und ergänzt diese z.B. um die Forderungen nach einem Sicherheitsbeauftragten und eine Medizinprodukteberater.

Die nationalen Verordnungen wie die MPBetreibV, die MPKPV, die MPSV und die MPV konkretisieren und ergänzen das MPG.

Die Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK) wendet sich nicht an die Hersteller, sondern an die Betreiber von IVD.

Neben der IVD-Richtlinie existieren weitere ggf. relevante europäische Richtlinien:

  • 2001/65/EU (Restriction of certain hazard substances RoHS) zur Vermeidung gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten
  • 2002/96/EG bzw. das implementierende Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) über den Umgang mit Elektroschrott
  • 1999/5/EG (radio equipment and telecommunications terminal equipment RTTE) zu Funkanlagen und Telekommunikation, die sich explizit auch bei Medizinprodukten anzuwenden ist. Die Nachfolge-Verordnung ist die 2014/53/EU.

Keine Anwendung bei IVD finden (Quelle)

  • 2006/95/EG: Niederspannungsrichtlinie
  • 2014/42/EG
  • EU-Verordnung 1907/2006 zu Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH).

Sonderfall 2006/42/EG: Maschinenrichtlinie

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG löst die Vorgängerversion 98/37/EWG ab. In der neueren Version, der 2006/42/EG heißt es in Artikel 3:

„Werden die in Anhang I genannten, von einer Maschine ausgehenden Gefährdungen ganz oder teilweise von anderen Gemeinschaftsrichtlinien genauer erfasst, so gilt diese Richtlinie für diese Maschine und diese Gefährdungen nicht bzw. ab dem Beginn der Anwendung dieser anderen Richtlinien nicht mehr.“

D.h. wenn die IVDD die Anforderungen genauer als die Maschinenrichtlinie formuliert, ist für diese Anforderungen (nur) die IVDD zu berücksichtigen, für die anderen Anforderungen zusätzlich zur IVDD die Maschinenrichtlinie.

Beispielsweise verfügen manche Laborautomaten über „Greifarme“ also bewegliche Teile, die die Anwender verletzen können, wenn es keine Schutzvorrichtungen gibt. Vorgaben zu solchen Maschinenteilen formuliert die Maschinenrichtlinie.

Tipp!

Erstellen Sie eine Tabelle, deren erste Spalte die  „Vereinigungsmenge“ der Anforderungen der IVDD und Machinienrichtlinien enthält. In der zweiten Spalte notieren Sie, ob Sie die Anforderungen überhaupt betreffen und falls ja, welche der beiden Richtlinien die spezifischeren Vorgaben enthält. In der dritten Spalte notieren Sie die Referenz auf die Umsetzung (z.B. eine Produktanforderung) bzw. deren Verifizierung.

Wenn Sie unsicher sind, dann sprechen Sie sich mit Ihrer benannten Stelle ab oder fragen das Johner Institut.

Prof. Dr. Christian Johner
Wünschen Sie Unterstützung dabei, schnell eine gesetzeskonforme technische Dokumentation zu erstellen und so Ihr IVD sicher „zuzulassen“? Professor Johner und sein Team helfen gerne! Nehmen Sie Kontakt auf!

Listen und Konformitätsbewertungsverfahren

Listen: Klassifizierung von IVD gemäß IVD-Richtlinie

Die In-vitro Diagnostik Richtlinie 98/79/EC unterscheidet verschiedene Typen von IVDs

  1. Anhang II Liste A (hoch kritische IVDs): Blutgruppen, HIV, Hepatitis
  2. Anhang II Liste B (kritische IVDs): U.a. angeborene Infektionen, Phenylketonurie, Zytomegalovirus, Chlamydien, HLA-Gewebetypen (DR, A, B), PSA Tumormarker, Trisomie 21, Blutzuckerbestimmung (falls zurEigenanwendung gedacht).
  3. Produkte zur Eigenanwendung (z.B. Schwangerschaftstest)
  4. Sonstige (z.B. Blutzuckermessgerät, das von Fachpersonal genutzt wird)

Konformitätsbewertungsverfahren

Abhängig von diesen Klassen erlaubt die IVD-Richtlinie den Herstellern unterschiedliche Konformitätsbewertungsverfahren:

Konformitätsbewertungsverfahren bei IVD

Konformitätsbewertungsverfahren bei IVD (Quelle: VDE Leitfaden Normen für die Entwicklung und Herstellung von IVD. Zum Vergrößern klicken)

  1. Liste A (bedingt Einbeziehung einer benannten Stelle)
    • Baumusterprüfung (Anhang V) + QM-Produktion (Anhang VII) + Verifizierung der Produkte (exemplarisch) durch benannte Stelle (Anhang VII.5)
    • Vollständiges QM-System (Anhang IV) + Prüfung der Produktauslegung durch benannte Stelle + Verifizierung der Produkte (exemplarisch) durch benannte Stelle (Anhang VII.5)
  2. Liste B (bedingt Einbeziehung einer benannten Stelle)
    • Baumusterprüfung (Anhang V) + QM-Produktion (Anhang VII)
    • Baumusterprüfung (Anhang V) + Produktprüfung (Anhang VI)
    • Vollständiges QM-System (Anhang IV)
  3. Produkte zur Eigenanwendung (bedingt Einbeziehung einer benannten Stelle)
    • Baumusterprüfung (Anhang V) + QM-Produktion (Anhang VII)
    • Baumusterprüfung (Anhang V) + Produktprüfung (Anhang VI)
    • Vollständiges QM-System (Anhang IV)
    • Auslegungsprüfung durch benannte Stelle (Anhang III.6)
  4. Sonstige (ohne Einbeziehung einer benannten Stelle)
    • Herstellerselbsterklärung

Welche Liste bei standalone Software zu wählen ist, diskutiert ein weiterer Beitrag.

Relevante Normen

Hersteller weisen meist mit harmonisierten Normen die Erfüllung der grundlegenden Anforderungen nach. Für IVD relevante Normen sind:

  • ISO 13485:2016: Qualitätsmanagementsysteme
  • IEC 60601-1, IEC 60601-1-2: Falls das Produkt ein Anwendungsteil hat (das ist bei IVD meist nicht der Fall), sind diese Norm für die elektrische Sicherheit und elektromagnetische Verträglichkeit anzuwenden.
  • IEC 61010-1, IEC 61010-2-101, IEC 61326-1IEC 61326-2-6 (medizinische IVD-Geräte): Ohne Anwendungsteil ist diese Norm anzuwenden.
  • ISO 11073: Datenübertragung von Point of Care Devices (nicht harmonisiert)
  • IEC 62366: Gebrauchstauglichkeit
  • IEC 62304: Software
  • IEC 61310-1: Alarme
  • ISO 18113: Chemische, biologische oder immunologische Bestandteile, Lösungen und Zubereitungen, die vom Hersteller zur Verwendung als IVD vorgesehen sind
  • EN 13640: Bestimmung der Haltbarkeit beim Transport und Gebrauch
  • EN 13641: Anforderungen an die Spezifikation von rohmaterialien, das Herstellungsverfahren und die Hertsellerinformation
  • EN 14254: Anforderungen für Werkstoffe, Nennfüllmenge, Graduierung, Gestaltung, Ausführung, Sterilität, Additive und Informationen durch den Hersteller von Probengefäßen zur einmaligen Verwendung
  • EN 14820: dto, für venöses Blut
  • Normen mit Bezug zur Sterilität: EN 556 (Teil 1 und 2), ISO 11737 (Teil 2), ISO 13408 (Teile 1 bis 6) und ISO 14937.
  • ISO 10993: Biokompatibilitiät. Da die IVDD keine entsprechenden Anforderungen stellt, findet diese Norm keine Anwendung.
  • ISO 18113 (Teile 1 bis 5): Anforderungen an die bereitzustellenden Informationen (Symbole, Gebrauchsanweisung, Etikettierung usw.)
  • Zudem gibt es zahlreiche produktspezifische Normen wie die ISO 15197 für Blutzuckermessgeräte.

Verifizierung und Validierung von IVDs

Weiterführende Informationen

Lesen Sie hier mehr zum Thema Verifizierung und Validierung von IVD

 

Mit herzlichem Dank an Dr. Bernd Gerstenecker.


Kategorien: Regulatory Affairs
Tags: , ,

5 Kommentare über “IVD (In-vitro Diagnostika)”

  1. Peter schrieb:

    Hallo,
    Ich gebe Ihnen mit Ihrer Aussage nur teilweise recht, denn auch bei IVDs kann ganz klar unterschieden werden, was Verifizierung und Validierung ist. Und – Es gibt auch IVDs die sowohl im Labor als auch im PoC (Point of Care)Bereich eingesetzt werden, sodass eine Validierung in beiden Bereichen notwendig ist. Unterschiedliche Benutzergruppen, Umbegungsbedingungen und deren Einfluss auf die Präanalytik etc.
    LG
    P.

  2. Christian Johner schrieb:

    Ich stimme Ihnen absolut zu. Das dachte ich gesagt zu haben.

  3. Isabel Riele schrieb:

    Guten Tag Herr Johner und Mitarbeiter,

    auf Ihrer überaus hilfreichen Website habe ich die Liste der relevanten Normen gefunden. Bei der Suche im Beuth-Verlag bezüglich EN 13460, Bestimmung der Haltbarkeit beim Transport und Gebrauch, wird DIN EN 13460, Instandhaltung – Dokumente für die Instandhaltung; Deutsche Fassung EN 13460:2009, angezeigt. Die Suche anhand des Titels ergibt zu viele Treffer. Können Sie mir bitte weiterhelfen?

    MfG
    I. Riele

  4. Prof. Dr. Christian Johner schrieb:

    Sieh haben einen Zahlendreher entdeckt, liebe Frau Riele.

    Es hätte EN 13640 nicht EN 13460 heißen müssen. Bitte verzeihen Sie.

    Danke für Ihren Hinweis!

    Beste Grüße, Christian Johner

  5. Martin Schroeder schrieb:

    Sehr geehrter Prof. Johner,

    Sie schreiben in Ihrem überaus informativem Artikel, dass die Maschinenrichtlinie (2006/42/EG) nicht für IVD anwendbar sei.
    Da wir uns die Frage nach der Gültigkeit dieser Maschinenrichtlinie für IVD auch immer wieder stets aufs Neue (und stets mit unterschiedlichem Ergebnis) stellen, möchte ich Sie nach der Grundlage / Begründung dieser Aussage fragen. Denn auch unsere benannte Stelle kommt regelmäßig mit Anforderungen der Maschinenrichtlinie bei unseren IVD Geräten daher und fordert deren Einhaltung (bzw. gleichwertiger Alternativen), und unser Bemühen die Anwendbarkeit der Maschinenrichtlinie auf IVD Geräte wegzudiskutieren sind häufig genug gescheitert. Wenn Sie eine wasserdichte und nachvollziehbare Argumentation bieten könnten, wäre das eine sehr sehr große Hilfe!

    Zwischen 1998 und 2006 herrschte Klarheit über die Anwendbarkeit der Maschinenrichtlinie, denn in der alten Fassung (98/37/EG) wurden Medizinprodukte (und damit auch IVD) generell vom Anwendungsbereich dieser Richtlinie ausgenommen. Dieser Hinweis auf diese Ausnahme der Maschinenrichtlinie steht auch bis heute in der „alten“ aber immer noch gültigen IVD-Richtlinie 98/79EG, und vielleicht ist es diese historische Gegebenheit, die heute für so viel Verwirrung sorgt?!

    Mit der „neuen“ Maschinenrichtlinie 2006/42/EG ist diese Ausnahme der Medizinprodukte vom Anwendungsbereich leider ersatzlos gestrichen worden.

    Unsere IVD-Geräte fallen leider recht eindeutig in die Definition einer „Maschine“ laut 2006/42/EG und passen in keine Kategorie der gelisteten Ausnahmen vom Anwendungsbereich (wie Waffen oder Fortbewegungsmittel für Künstler).

    Als einziger Rettungsanker verbleibt damit Artikel 3:
    „Spezielle Richtlinien
    Werden die in Anhang I genannten, von einer Maschine ausgehenden Gefährdungen ganz oder teilweise von anderen Gemeinschaftsrichtlinien genauer erfasst, so gilt diese Richtlinie für diese Maschine und diese Gefährdungen nicht bzw. ab dem Beginn der Anwendung dieser anderen Richtlinien nicht mehr.“

    Nun äußern sich sowohl die alte IVD-Richtlinie 98/79/EG als auch die neue IVDR-Richtlinie (Pendant zur MDR) durchaus auch zu mechanischen Gefährdungen. Ob sie diese aber auch wie in Artikel 3 gefordert „genauer erfasst“ lässt sich schon anhand eines rein quantitativen Vergleichs der entsprechenden Passagen doch stark bezweifeln?!

    Zudem verstehe ich den letzten Teilsatz von Artikel 3 so, dass nur diejenigen Gefährdungen vom Anwendungsbereich der Maschinenrichtlinie ausgenommen sind, denen sich die alternative Gemeinschaftsrichtlinie (hier: IVD / IVDR) genauer annimmt – damit gelten aber alle anderen Passagen / Gefährdungen der Maschinenrichtlinie dennoch?

    In sehr gespannter Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich

    mit besten Grüßen,
    Martin Schroeder

Kommentar schreiben